Liebe Gemeinde,

einige Gemeindemitglieder haben Interesse daran gezeigt, den Gemeindebrief zukünftig nur noch als pdf-Datei per E-Mail zu erhalten. Wir werden dem gerne nachkommen. Wer also lieber einen digitalen Gemeindebrief anstelle eines gedruckten Exemplars haben möchte, mag dies bitte, unserer Sekretärin mitteilen oder eine E-Mail senden. Für dieses Gemeindemitglied wird die Postzusendung dann auf E-Mail umgestellt werden.




wenn Sie diesen Gemeindebrief erhalten, wird der 31. Oktober, der Reformationstag, vielleicht gerade noch bevorstehen oder gerade hinter Ihnen liegen. In diesem Jahr wird bzw. war der 31. Oktober erstmals ein Feiertag sein. Er fällt bzw. fiel auf einen Dienstag, zufällig, wie in diesem Jahr der 3. Oktober, ein weiterer Gedenktag in der deutschen Geschichte.

Diese beiden Gedenktage haben sowohl für unsere Kirche als auch für die kulturelle Entwicklung in unserem Land eine herausragende Bedeutung. Beide Gedenktage lassen sich heute schon kaum noch isoliert von dem Tag denken, der heute als deutscher Schicksalstag per se gilt und im Trauermonat November liegt.

Das, was wir mit dem 9. November verbinden, anknüpfend an die Entwicklungen in den Jahren 1848 (Beginn des Scheiterns der Märzrevolution durch die Erschießung des Demokraten Robert Blum), 1918 (Höhepunkt der November-Revolution/Bekanntgabe der Abdankung des Kaisers durch Prinz Max von Baden/spontane Ausrufung der ersten deutschen Republik durch Philipp Scheidemann), 1923 (Adolf Hitlers Versuch durch einen Putsch an die Macht zu gelangen, gestoppt durch Hitlers Inhaftierung für fünf Jahre), 1938 (November-Pogrom mit gewalttätigen Angriffen auf die jüdische Bevölkerung und Brandstiftung an Synagogen) und 1989 (Günter Schabowski setzt die unbegrenzte Reiseregelung „ab sofort“ in Kraft und besiegelt den Fall der Mauer), ist jedes Jahr erneut Thema auch in unseren Gottesdiensten. An allen Schicksalstagen waren Christen unmittelbar oder mittelbar beteiligt. Die jeweilige Beteiligung wirft Fragen zu Zielen und Verantwortung auf. Im 19. Jahrhundert waren evangelische Christen Abgeordnete in der Bundesversammlung in der Paulskirche. Evangelische Pfarrer in Frankfurt begrüßten zunächst das Erwachen zu gesetzlicher Freiheit, Wahrheit und Recht (z.B. Senior Gerhard Friedrich an der St. Katharinenkirche) und beugten sich dann doch der Sorge um die Zukunft der Kirche und der Angst vor den teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die November-Revolution brachte mit dem Rücktritt aller regierenden Fürsten das Ende des Landesherrlichen Kirchenregiments. Ein Vertreter der Kirchenaustrittsbewegung (Adolph Hoffmann) wurde Kultusminister und verkündete sofort (am 16. November 1918) die Trennung von Kirche und Staat. Die „Stiftung für kirchliche Versorgung der Außenstadt Frankfurt an Main“ vom 6. Mai 1905, durch die unsere Gemeinde existiert, war da schon 13 Jahre alt. Als Reaktion auf die Erleichterung von Kirchenaustritten gründeten evangelische Geistliche im Dezember 1918 die Evangelische Volksvereinigung zur „Wahrung und Weckung der evangelischen Interessen …“ Zahlreiche evangelische Geistliche wandten sich der Deutschnationalen Volkspartei, einer nationalkonservativen Partei, zu. Deren Programmatik enthielt u.a. Nationalismus, Antisemitismus und die Ablehnung der Weimarer Republik. Sie führte zu Aufrufen, kauft nicht bei Juden, und 1934 zur Einführung des sog. Arierparagraphen in die Evangelische Kirche. Sie prägte das Klima, das 1938 die November-Pogrome zuließ. So gehören die Deutschen Christen ebenso zur Geschichte der Evangelischen Kirche wie die innerkirchliche Opposition durch Vertreter der Bekennenden Kirche, wie Karl Veidt, Pfarrer an der Paulskirche, und Wilhelm Fresenius, Pfarrer an der Katharinenkirche.

Es ist gut zu erinnern, dass es auch evangelische Christen waren, die sich der marxistisch-leninistischen Staatsideologie der DDR entgegenstellten und mit den Montagsdemonstrationen in Leipzig einen starken politischen Impuls im Sinne einer freiheitlichen Entwicklung setzten.

Die Kenntnis um diese Entwicklungen ist dazu angelegt, ein besonderes Verständnis auch für die Themen unserer Gemeindemitglieder aus Oromia und für die Themen derjenigen Menschen zu entfalten, die jeden Donnerstag im Kirchencafé zusammenkommen. Jeder ist unverändert zur Teilnahme aufgerufen und eingeladen, Bine Wegner dort zu unterstützen, damit lebendige Gespräche unsere Kirchenräume füllen.

Das Ende des Kirchenjahres ist dazu angelegt, Ralf Schalk einmal besonders zu danken, der uns ehrenamtlich jeden Sonntag mit viel Engagement im Gottesdienst als Küster unterstützt und liebevoll das Kirchencafé einrichtet.

Der Trauermonat November gibt Anlass, in diesem Gemeindebrief einmal wenig bekannte alte Begräbnisbräuche in Äthiopien zu erinnern.

Unsere Pfarrerin wird weiterhin vom Vorsitzenden des Kirchenvorstandes Claus Ludwig Dieter vertreten.

Helga Müller



Eine kleine Geschichte vom Kir(s)chcafé – in Klammern in Mundart

Mittlerweile sind sechs Jahre vergangen und ich gehe ins siebte Jahr hinein, das Kir(s)chcafé macht mir immer noch Spaß. Ich backe gerne Kuchen, mache auch mal was Salziges oder backe sogar Brot. Was mir am Kir(s)chcafé gefällt ist, dass ich von den(en) Besucher sehr gut aufgenommen werde, was ich (wo ich das) am Anfang gar nicht geglaubt hatte. Aber seit der Zeit, seit der (wo) Frau Buch nicht mehr da ist, habe ich das so übernommen, wie sie es mir beigebracht hat. Da(d)ran möchte ich auch nichts ändern. Ich stehe immer noch gerne sonntags morgens um 8 Uhr auf, um in die Kirche zu gehen, alles herzurichten, Kaffee zu kochen und die Tische zu decken. Was ich schade finde ist, dass so nach und nach immer weniger Kirchgänger kommen. Mittlerweile habe ich alle wie z.B. Frau Schneider, Frau Pohlmann, Claus Ludwig Dieter, die Pfarrerin oder alle, die ich mittlerweile in den sechs Jahren kennengelernt habe, ins Herz geschlossen. Das ist mir immer eine Freude und ich hoffe, dass ich das noch lange lange machen kann, da sie ja alle wissen, dass ich gesundheitlich angeschlagen bin. Mit Gottes Segen wird es schon gehen. Mit ganz lieben Grüßen

Ralf Schalk




Tödliches Erntedankfest in Bishoftu/Äthiopien

Seit fast einem Jahr sind Teile derjenigen Regionen in Äthiopien, die von Oromos besiedelt sind, in Aufruhr. Es begann als lokale Empörung über eine staatliche Landnahme in der Umgebung von Addis Abeba. Inzwischen hat sich der Aufruhr zu einer Protestbewegung ausgeweitet, die den Sturz der Regierung will. Diese Regierung wird seit 1991 im Kern von ehemaligen Rebellen der Tigray gestellt. Wortführer der Oromo lehnen diese Regierung ab. Bei der Niederschlagung von Massenprotesten in mehreren Städten waren Anfang August bereits über 100 Menschen getötet worden. Jetzt ist es zu einer Eskalation gekommen. Am Erntedanksonntag versammelten sich zehntausende Oromo in Bishoftu, einer Stadt im Südosten von Addis Abeba, um traditionsgemäß das Ireecha zu feiern. Es kam zu Tumulten, weil, wie berichtet wird, Würdenträger der Oromo auf der staatlichen Ehrentribüne saßen. Das wurde als Verrat empfunden. Feiernde riefen Woyane! (Nieder!). Das ist ein alter Slogan aus Äthiopiens Widerstand gegen die italienische Besatzung und später die Revolutionsparole der Tigray-Rebellen, die jetzt gegen die Regierung gewandt wird. Nach Augenzeugenberichten sperrte die anwesende Armee Fluchtwege mit ihren Fahrzeugen ab und begann auf die Menge zu schießen. Es kam zur Panik. Menschen traten aufeinander. Viele fielen in einen Graben. Den beschoss die Armee danach mit Tränengas. Offiziell gab es 52 Tote. Die Oromo-Oppositionspartei OFC (O-romo Federalist Congress) hat hingegen 678 Tote gemeldet. Ärzte des naheliegenden Krankenhauses berichteten, dass allein 500 Leichen bei Ihnen eingeliefert worden seien. Der Redakteur der taz vom 5.10.2015 spricht von einer Besorgnis, dass die Spannungen im Land hiernach nochmals erheblich zunehmen könnten.

Quelle: taz 5.10.2016



Engagement gegen die israelische Besatzung in Palästina: Boykott, Investitions-Entzug, Sanktionen


Bericht über eine Veranstaltung des Palästina–Forums–Nahost im ÖZ.

Der Anfang war ziemlich emotional. Es erklangen Gedichte von Erich Fried aus seinem Zyklus „Höre Israel“. Eine Frage bleibt hängen: „Als wir verfolgt wurden, war ich einer von euch. Wie kann ich das bleiben, wenn ihr Verfolger werdet?“ Ja: Wie?

Dann hielt Martin Breidert, Pfarrer der EKHN und bis 2004 Professor für Sozialethik an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, einen sachlichen, informativen Vortrag über den Aufruf von verschiedenen Organisationen der palästinischen Zivilgesellschaft, durch gewaltfreie wirtschaftliche Maßnahmen Einfluss auf die Politik des Staates Israel zu nehmen. Kernstück der Kampagne „Boykott, Divestment, Sanktionen“ (BDS) ist der Versuch, Waren und Firmen, die in den besetzten Gebieten Palästinas angebaut oder produziert werden, nicht länger zu kaufen oder mitzufinanzieren. Den palästinensischen Bauern, denen dieses Land einmal gehört hat, wird der Zugang zu ihren Feldern und Olivenbäumen und Brunnen und zu Arbeitsplätzen durch eine Mauer verschlossen oder durch viele Checkpoints erschwert. Auch Firmen, die sich an der Produktion und dem Export von Rüstungs- und Infrastrukturgütern in und nach Israel beteiligen, mit denen die Besatzung und widerrechtliche Besiedelung des Westjordanlands ermöglicht wird, sollen Investitionen entzogen werden. Das Problem für VerbraucherInnen ist, dass diese Waren durchgängig als „Aus Israel“ stammend etikettiert werden. Die Waren profitieren damit von den Handelsprivilegien, die die EU Israel eingeräumt hat. Im Jahre 2000 hat die EU Waren aus den besetzten Gebieten ausdrücklich von die-sen vorteilhaften Handelsverträgen ausgenommen, aber Israel setzt diese Bestimmung nicht um ─ ebenso wenig wie die vielen UN-Resolutionen, die völkerrechtswidrige Besatzung Palästinas zu beenden. Wegen der uneindeutigen Kennzeichnung kaufen viele Menschen deshalb gar keine Waren aus Israel, solange die Kennzeichnungspflicht nicht umgesetzt ist. Eine Begründung ist, dass der Staat Israel die militärische Besatzung und die Siedlungen auf palästinensischem Land rechtlich und finanziell fördert und die Forderungen der UN und der EU nicht umsetzt und dass er damit auch als Ganzer verantwortlich ist.

Breidert nannte eine beeindruckende Liste von Kirchen in Europa und den USA und von deutschen und internationalen Firmen, die sich dem BDS-Aufruf angeschlossen haben, darunter auch die United Church of Christ, die mit der EKHN verpartnert ist. Abschließend erläuterte er fünf Punkte, an denen der Artikel zu BDS in unserem letzten Gemeindebrief aus seiner Sicht problematisch oder nicht sachgemäß ist.

Die anschließende Diskussion unter den gut 30 Teilnehmenden war sachlich, engagiert und argumentativ. Dr. Max Schumacher meldete sich relativ früh zu Wort, um das Bild, das durch den Artikel von unserer Gemeinde gezeichnet wurde, zurechtzurücken. Er wies darauf hin, dass die Gemeinde seit vielen Jahren sowohl im christlich-jüdischen Gespräch als auch in der Solidaritätsarbeit für Palästina engagiert sei. Es habe vor wenigen Tagen eine Gemeindeversammlung stattgefunden, in der der Artikel kritisch diskutiert worden sei. Weitere Berichterstattung und Diskussion zum Thema sei geplant. Kontrovers wurde die Forderung von Sanktionen im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich diskutiert. Man war sich einig, dass diese Forderung kontraproduktiv sein könne. Man müsse sehr genau im Einzelfall prüfen, ob eine kulturelle Veranstaltung oder eine wissenschaftliche Tagung eindeutig dem Ziel des Friedens und der Völkerverständigung zuwiderlaufe.

Viele andere, komplexe Themen wurden angesprochen, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Die Frage bleibt: Wie kann ich solidarisch bleiben mit einem Volk, an dem wir als Deutsche schuldig geworden sind? Sind gewaltfreie wirtschaftliche Maßnahmen ein Weg, um Israel, dem Volk und der Religion, denen wir so viel verdanken, nicht zuletzt unsere ethischen Maßstäbe von Gerechtigkeit und Menschenwürde, dabei zu helfen, das Israel zu bleiben, dem wir uns verbunden fühlen?

Hildburg Wegener