Besinnung November:

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. (Hesekiel 37,27)

Hesekiel gehörte zu den Menschen, die in Babylon im Exil waren. Israel war von den Babyloniern besiegt worden, Jerusalem zerstört, die Oberschicht, die den Siegern gefährlich werden konnte, weggeführt. Nun sitzen sie in der Fremde, „an den Wassern von Babylon“, und trauern. Sie haben ihre Heimat, ihre Häuser und viele Verwandte verloren. Sie wissen nicht, ob sie je wieder in ihr Land zurückkehren werden. Und auch ihr Gott hat seine Wohnung, den Tempel, verloren. Wo ist Gott jetzt? Was wird aus ihnen, wenn Gott nicht mehr in ihrer Mitte wohnt?

In dieser Situation spricht der Prophet seinen Landsleuten Trost und Mut zu. Er sagt: „Gott, der Herr, hat zu mir gesprochen und mir diese Botschaft an euch gegeben: ‚Ich hole die Israeliten hier heraus. Ich bringe sie in ihr Land zurück. Ich will mitten unter ihnen mein Heiligtum errichten. Meine Wohnung soll für immer bei ihnen sein. Ich will ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein.‘“ (Hesekiel 37,21.26.27)

Wo wohnt Gott? In der jüdischen Überlieferung ist die Einwohnung Gottes ein wichtiger Gedanke. Gott nimmt in und unter den Menschen Wohnung. Als ein Frommer einmal einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren, fragte: „Wo wohnt Gott?“ lachten sie über ihn: „Wie redet er! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!“ Er aber beantwortete die eigene Frage: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“ (nach Martin Buber, Erzählungen der Chassidim). Das können wir, zweieinhalbtausend Jahren nach Hesekiel, gut verstehen. Ja, Gott wohnt nicht im Tempel, Gott wohnt nicht nur in Israel. Gott wohnt unter uns Menschen.

Wir sollten aber die absolute Aussage, die uns von Hesekiel überliefert ist, ernst nehmen: „Ich will bei euch wohnen“. Nicht: „Ich werde bei euch wohnen, wenn ihr …“, wenn ihr Gott einlasst, wenn ihr fastet, betet und
 
Gutes gut. Das sind gute Übungen, vor allem für die, denen wir Gutes tun. Aber allzu oft blicken wir dabei nur auf uns selbst. Sind wir wirklich ein- lassbereit? Tun wir genug? Dann sehen wir uns um und stellen fest: Nein, Gott ist hier trotzdem nicht, Gott bleibt uns und der Welt fern. Und dann bekommen wir ein nagendes Gefühl des Ungenügens. Oder der Resignation. Gott wohnt hier nicht mehr.

Aber ändern wir mal die Perspektive, weg von uns, hin zu Gott. Gott will bei uns wohnen. Und er tut das auch. Also:

Bin schon da. GOTT.

Stellen Sie sich vor, Sie finden, wenn sie heimkommen, einen solchen Zettel im Flur. Welchʼ schöne Überraschung. Sie öffnen die Zimmertür. Da ist Gott. Sie lächeln sich an.

Wie wäre es, wenn wir so durch unseren Alltag gehen, trotz allem? Wenn wir so die Menschen ansehen, denen wir begegnen? Das fällt leicht, wenn wir Kinder beim Spielen zusehen, oder Menschen, die sich für andere engagieren, kennenlernen. Aber wir können es üben, sobald wir morgens aus dem Haus gehen, oder auch, auch wenn wir vor einer Tür stehen, die wir vielleicht ungern öffnen, oder uns auf einen Weg ins Ungewisse machen müssen, oder wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die uns fremd sind. Wenn wir erwarten, dass Gott schon da ist, dann werden wir das auch erfahren. Eltern und LehrerInnen und Vorgesetzte wissen zum Beispiel: wenn sie ihrem Gegenüber etwas zutrauen, dann schaffen die das auch. Und umgekehrt.

Dieser andere Blick bedeutet, dass wir versuchen können, überall dort, wo wir sind, hinter jeder Tür, in jeder Gruppe von Menschen, das Volk Gottes zu sehen, Menschen unter denen Gott schon wohnt. Gott will unter uns wohnen, wie und mit wem und durch wen, das ist sein freier Wille.
Hildburg Wegener


Besinnung Februar

Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! (Lk 10,5)

Friedensboten

Der erste Eindruck, wie passend angesichts des Weltgeschehens und wie tröstlich klingt doch die Monatslosung: Aleppo am Abgrund, besser gesagt, darin versunken, Afrika kommt nicht zur Ruhe, in Amerika zieht ein Kraftmeier ins Weiße Haus. In Deutschland werden Tabus bei der Wortwahl gebrochen, der Begriff „völkisch“ reüssiert. Zugleich grassiert Angst vor islamistisch begründeter Gewalt. Die Sehnsucht nach Frieden ist groß.

Ein Ernst, ein Wissen, um die oft vergebliche Sehnsucht nach Frieden bewegt uns. die Welt erscheint fragil. Zweifelsohne: Ohne Frieden ist nichts von Dauer. Menschenwürde, Gedeihen von Leib und Leben – all das hängt von ihm ab, mehr als von allem anderen.

Aber: Der Satz entpuppt sich, gelesen im Umfeld des Bibeltextes doch als hintergründiger. Er stammt aus der „Einsetzung und Aussendung der Zweiundsiebzig“. „Geht hin: siehe ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe“. steht in dem Abschnitt aus dem die Losung stammt. In Armut sollen sie losziehen. Und wenn sie dann ein Haus aufsuchen, steht der Satz der Monatslosung an. Ein bedingungsloser Friedensgruß, ausgesprochen auf der Schwelle, nicht wissend, was einen empfängt. Steckt dahinter Vertrauen? Menschenfreundlichkeit? ein dickes Fell? Auch ein wenig Sturheit? Ein bisschen von allem scheint es.

Lebt in dem Haus ein Kind des Friedens, so „so wird euer Frieden auf ihm ruhen“, heißt es. Wenn dem nicht so ist, „so wird sich euer Frieden wieder auf euch wenden“. Unabhängig von der Reaktion zu verweilen, zu essen, zu trinken, was einem gegeben wird, lautet die Empfehlung. „Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Ihr sollt nicht von einem Haus zu anderen gehen“, schließt der Absatz.

Was für eine Kraft, Satz für Satz:, ein Realismus und ein Selbstbewusstsein. Wir können willkommen sein – oder auch nicht, aber unabhängig davon, ist es das gute Recht anzuklopfen, einzutreten, sich zu begegnen. Menschen sind unterschiedlich groß – trotzdem - körperlich gesehen handelt es sich in der Regel um Begegnungen auf Augenhöhe, egal wie mächtig, wie reich jemand ist. Mensch trifft auf Mensch. Und das anzuerkennen, besser könnte das Fundament der Friedensbotschaft kaum aussehen.

Der letzte Satz, die Aufforderung an die Jünger, die Gottes Botschaft weitertragen zu sollen, nicht von Haus zu Haus zu gehen, irritiert erst einmal – zugleich strahlt er eine Ruhe aus. Da ist eine Gelassenheit gegenüber den Gegebenheiten zu spüren. Die Arbeiter gehen ihrer Arbeit nach – ihrem Auftrag entsprechend.

Es kommt noch ein Absatz. Da wird statt des Hauses das Bild der Stadt gewählt: Wenn deren Bewohner die Besucher nicht aufnehmen wollen, so sollen die Boten von Gottes Wort weiterziehen und den Staub der Stadt abschütteln. Das Reich Gottes werde kommen und „Es wird Sodom erträglicher ergehen an jenem Tage als dieser Stadt“, steht da geschrieben. Das klingt nicht nach Friedensbotschaft. Aber auch das steht in der Bibel. Und die Frage nach dem Reich Gottes, die treibt einen um. Auch nach der Lektüre dieses Kapitels des Lukasevangeliums. Bettina Behler




Besinnung Dezember

Ein altes Bild von Albrecht Dürer zu Christi Geburt? Ein altes Bild zu dem Neuen, dass wir erwarten, auf das wir hoffen, was wir so dringend brauchen? Warum?

Es macht deutlich, wie Christi Geburt, die wir jedes Jahr feiern,  alt und neu zugleich ist.

Alt - Neu: Beides ist im Bild zu sehen. Das Haus ist verfallen rundherum – Armut, Not, Vertreibung, die junge Familie hat keinen Platz im Haus. Jesu Geburt –  der Alltag – auch heute für viele in unserer Welt – das Alte.

Wir hören in den letzten Monaten immer wieder erschreckende Nachrichten aus Äthiopien. So dauert dort der Ausnahmezustand noch immer an, mit der Konsequenz, dass Demonstrationen verboten sind, das Internet nur eingeschränkt nutzbar ist und Menschen ohne richterliche Genehmigung verhaftet werden können. Und das in einem Land, in dem unabhängige Medien und Menschenrechtsorganisationen kaum einen Zugang haben. Seit vielen Wochen können Verwandte und FreundInnen von Deutschland aus in Äthiopien nicht mehr erreicht werden. Die hier leben sind voller Sorge!

Ältere in der Gemeinde teilen mit mir immer wieder, wie sehr sie das Altwerden belastet, wie mühsam es für sie ist, die Krankheiten, das Alleine-Sein, das Nicht-Mehr-So-Können-Wie-Früher. 

Wie kann „Neues“ entstehen? Antworten möchte ich mit Worten von Hannah Arendt, die sich einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und nach dem Holocaust Gedanken darüber machte, wie es angesichts der menschlichen Zerstörungskraft  überhaupt noch Hoffnung und Vertrauen in dieser Welt geben kann:  „ Das `Wunder` besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang …. Weil jeder Mensch aufgrund  des Geborenwerdens ein Anfang und Neuankömmling in dieser Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen … Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten…: `Uns ist ein Kind geboren`…“

„Gott wird Mensch, dir Mensch zugute“, so singen wir es im Weihnachtslied.

Gottes Kind kommt in die Welt. Dadurch wird die Welt verändert. Das ist die Botschaft von Weihnachten. In der Bibel wird sie beschrieben. Maria und Josef haben ihr vertraut. Bis in unsere Zeit vertrauen Menschen dieser Botschaft. Und das verändert ihr Leben. Das ist das Wunder von Weihnachten. In unseren Herzen beginnt es. Gott sei Dank!

In diesem Sinnen möge Sie auch die Jahreslosung 2017 stärken und begleiten!

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch." (Hesekiel 36,26)

Eine frohe Advents- und Weihnachtszeit und ein segensreiches neues Jahr wünscht Euch und Ihnen Pfarrerin Gisela Egler-Köksal

 


Monatsspruch November

Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als ein Licht, dass da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in Euren Herzen. (2. Petr. 1,19.
)


Die Nachricht von Gott durch den Propheten ist komplett, verlässlich, brachte Licht in der Dunkelheit, in die Herzen, der Leute, die aufmerksam sein sollen. Es kommt darauf an, das Ergebnis dieser verlässlichen Nachricht zu hören, an das Evangelium, Verkörperung, Tod und Auferstehung von Christus zu glauben, Das zeigt Wirkung in unserem Leben, braucht aber Zeit, bringt jedoch Veränderungen. Das ist die Nachricht des Evangeliums. Die Verbindung zu wollen. Um der Veränderungen im Leben willen.
Gudetu Eticha Adugna



Monatsspruch Oktober

Wo aber Gott ist, da ist Freiheit (2. Kor. 3,17)


Der 2. Brief des Paulus an die Korinther erfolgte, nachdem der 1. Korintherbrief nicht zu dem gewünschten Erfolg, sondern zu Spannungen zwischen den Korinthern und Paulus geführt hatte. Aus diesem wohl persönlichsten Brief des Apostels spürte man die ganze Wärme und Liebe heraus, die er zu dieser Gemeinde in Korinth hegte. Dabei gab er insbesondere in den Kapiteln 3 bis 5 sein Hochgefühl kund über die unvergleichliche Herrlichkeit des Dienstes am Evangelium Christi im Gegensatz zur überwundenen Gesetzesreligion.

Der Monatsspruch für Oktober ist dem 3. Kapitel Vers 17 entnommen, der vollständig lautet: „Denn der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“

Dieser Vers ist eingebettet in einen recht schwierigen Text, wonach Paulus aus eigener Erfahrung bei sich und vielen anderen geradezu schmerzhaft die Verstockung Israels und ungezählter anderer miterlebt hat, für die als jüdische Leser des Alten Testaments eine Hülle über der Schrift oder vielmehr über ihren Herzen lag: So blieb ihnen verborgen, dass der Gesetzesbund in Christus abgetan ist. Paulus will deutlich machen, dass sowohl für jeden Juden, der sich zu Christus bekehrt, wie für alle anderen Gläubigen die wunderbare verwandelnde Arbeit des Geistes Gottes angefangen hat und ihren Fortgang nimmt. Christus teilhaftig werden heißt, des Geistes teilhaftig werden; und der macht von jeder Hülle frei.

Kinder des Neuen Bundes schauen nicht nur die unverhüllte Herrlichkeit des Herrn, sondern sie werden ihrer in steigendem Maße teilhaftig, weil ihnen der Herr nicht bloß äußerlich gegenübersteht wie dem Mose, sondern durch den Geist in ihren Herzen wohnt. Dies ergibt sich aus dem anschließenden Vers 18, der unbedingt in diesem Zusammenhang erwähnt werden muss.

Wer von mir als Jurist erwartet hat, dass ich hier eine juristische Auslegung des Begriffs der Freiheit liefere, den ich muss ich enttäuschen. Die Freiheit, die Paulus meint, geht weit über menschliche juristische Definitionen hinaus und ist völlig unabhängig von diesen weit tiefer gegründet und das ist gut so.
Dr. Max Schumacher




Monatsspruch September

Gott spricht: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. (Jer 31,3)





Monatsspruch August

Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander! (Markus 9,50)




Monatsspruch Juli

Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will und schenke Erbarmen, wem ich will. (2. Mose 33,1)

Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen ...

Schönheit? Dieses Wort habe ich im Zusammenhang mit Gott noch nie gehört. Moses darf Gott auf dem Berg Sinai als schön erleben, als umfassend schön. Ein faszinierend neuer Gedanke. Schönheit weckt in Menschen ja den Wunsch, mit dem Geschauten eins zu werden, sich ganz zu versenken, aufzugehen in einem uns umfassenden vollkommenen Ganzen. Gott so erleben, mit allen Sinnen erfahren, anstaunen, sich für Gott öffnen, wie für eine liebliche oder erhabene Landschaft, für ein meisterhaftes Bild, einen bezaubernd schönen Menschen, und sich daran freuen, sich davon überwältigen lassen – so will Gott sich Moses zeigen.

Das hebräische Wort dafür ist ganz knapp: kol tov, mein ganzes GutSein. Für „tov“ lese ich im Lexikon: angenehm, gut, was den Sinnen gefällt, schön anzusehen, wohlgestalt, erfreulich. Genau – dafür kann man im Deutschen auch „schön“ sagen. Und dann finde ich im Lexikon noch eine Erinnerung an die Schöpfungsgeschichte: „Und Gott sah, dass es gut war“, dass die Welt so war, wie Gott sie immer gewollt hat.

„All meine Güte“, heißt es wörtlich in den meisten anderen Übersetzungen. „Güte“ kann aber leich zu eng verstanden werden, dass nämlich Gott „gütig“ ist, obwohl wir es nicht verdient haben und wir seinen Zorn fürchten müssten. Oder wir denken bei „gut“ an das Problem, wie Gott „gut“ sein kann und doch das Böse in der Welt zulässt. Wenn wir von Gottes Schönheit reden, sind wir auf einer etwas anderen Schiene. Es geht nicht um gut und böse in uns oder in der Welt, es geht um Gott und wie Gott uns begegnen will.

Unser Monatsspruch ist Gottes Antwort auf eine Bitte. Moses war nach der Anbetung des goldenen Stierbildes, mit dem das Volk den Bund gebrochen hatte, wieder auf den Berg Sinai gestiegen. Dort hatte Gott ihm die Zusicherung gegeben, dass der Bund trotz allem gilt und Gott das Volk in das verheißene Land führen werde. Moses hätte gern Sicherheit, eine klare Vorstellung von der Macht, der sie sich anvertrauen sollen, und sagt deshalb: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“.

Gott weist die Bitte nach Sicherheit nicht als unfromm zurück, aber erklärt, warum das nicht geht. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht“. Gottes ganze Herrlichkeit ist gewaltig, so gewaltig, dass wir Menschen es nicht ertragen können.

Und doch will Gott nicht unerkannt bleiben. Moses darf die den Menschen zugewandte unendliche Schönheit Gottes sehen. Er soll in eine Spalte im Fels treten. Gott will an ihm vorübergehen, will ihm die Augen verdecken und ihn so vor der verzehrenden Macht der Herrlichkeit Gottes schützen. Dann darf Moses Gott hinterher sehen, die Spuren von Gottes Walten in der Welt wahrnehmen. Vielleicht gibt der letzte Satz des Monatsspruchs uns einen Hinweis, wie auch wir die Spuren Gottes wahrnehmen können. Es hätte ja heißen können: In meiner ganzen Macht und Herrlichkeit kann ich Gnade gewähren, wem ich will, und strafen, wen ich will. Dieser beängstigende Gegensatz steht hier aber nicht. Sondern Gottes Schönheit für uns bedeutet, dass Gott Gnade gewährt und Erbarmen schenkt. So will Gott sich uns zeigen.

Moses hat nach seiner Rückkehr vom Berg Sinai auf diese Zusage vertraut. Und in dieser Tradition steht auch Jesus, wenn er den Menschen Gottes Schönheit erzählt.

Hildburg Wegener





Monatsspruch Juni

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. (Ex 15,2)




Monatsspruch Mai


Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst. (1. Korintherbrief 6,19)




Andacht zu Pfingsten


Eine Andacht zu Apostelgeschichte 2, 1-18

In Jerusalems Straßen drängen sich die Menschen: Dunkelhäutige aus Nordafrika und hochgewachsene Ägypter, arabische Gewürzhändler und elegant gekleidete Leute aus der fernen Hauptstadt Rom. Sie sprechen verschiedene Sprachen, doch sie alle sind Juden und wollen in der Davidsstadt Pfingsten feiern, das alte Erntefest, und sich an den Bund erinnern, den Gott am Berg Sinai mit seinem Volk geschlossen hat. Auch Petrus, Jakobus und die anderen Jesus-Jünger sind unter den Festpilgern. Mit gemischten Gefühlen sind sie nach Jerusalem zurückgekehrt. Hier ist ihr Herr am Kreuz gestorben. Doch sie wissen auch: Gott hat ihn auferweckt - Jesus lebt! Noch haben die Männer aus Galiläa Angst. Sie finden keinen Mut, sich unter die Festpilger zu mischen und von Jesus zu erzählen. Sie schließen sich im Haus ein. Sie verrammeln Türen und Fenster. Sie bitten Gott um Kraft. Sie beten um Gottes guten Geist. Plötzlich bewegt sich etwas in ihren furchtsamen Herzen. Wie ein Sturmwind, wie ein Feuer kommt es über die Jünger - ihre Herzen brennen! Eine Kraft, die nicht aus ihnen selber kommt, erfüllt sie, erfüllt das ganze Haus! Ihre Angst ist wie weggeblasen. Ein neuer Geist ist in ihnen - Gottes guter Geist! Flammende Begeisterung hat sie erfasst. Herzen öffnen sich, Türen öffnen sich, ihre Zungen lösen sich - sie können nicht mehr schweigen. Sie drängen nach draußen. Alle sollen die gute Botschaft des Lebens erfahren, sollen hören, wie sich durch Jesus ihr Leben verändert hat. Sehr anschaulich wird uns hier vor Augen geführt, was der heilige Geist in Menschen bewirkt:


1. Der heilige Geist macht Menschen mutig

Verzagte Anhänger Jesu werden auf einmal zu mutigen Zeugen. Durch den heiligen Geist sind sie Feuer und Flamme für Jesus und erzählen allen von ihm, ohne Scheu. Wie der Wind ein Segelschiff an ferne Ufer tragen kann, so treibt der heilige Geist die Apostel als Boten Jesu immer weiter, selbst in fernste Länder. So hatte Jesus es ihnen vorausgesagt. Dadurch kam die Botschaft von Jesus auch bis zu uns.


2. Der heilige Geist macht Menschen sprachfähig

Der heilige Geist gibt den Jüngern an Pfingsten die richtigen Worte, um die großen Taten Gottes auszusprechen und allen zu verkünden. Nur deshalb erzielen diese Worte auch ihre Wirkung. Einfache Menschen ohne höhere Bildung finden auf einmal die richtigen Worte, um von Jesus zu erzählen. Um anderen Menschen weiterzusagen, dass Jesus für uns gestorben und auferstanden ist, dass er uns Erlösung und ewiges Leben schenken will – dazu muss man nicht erst Theologie studiert haben. Der Geist kann Christen eine Sprache finden lassen, die andere Menschen unmittelbar anspricht. Martin Luther wäre sicher erstaunt, wenn er wüsste, dass wir heute noch seine Bibelübersetzung verwenden. Luther wollte doch „dem Volk aufs Maul schauen“, die Bibel in die Sprache übersetzen, die die Menschen seiner Zeit wirklich gesprochen haben. Aber wir sprechen diese Sprache nicht mehr, das Deutsche hat sich in 500 Jahren verändert. Wenn wir Luthers Anliegen gerecht werden wollen, wenn wir den Menschen heute Gottes Wort in ihrer Sprache nahebringen wollen, dann müssen wir zumindest öfter aktuelle Übersetzungen verwenden.


3. Der heilige Geist macht Menschen hörfähig

In der Pfingstgeschichte bewirkt es der heilige Geist, dass die Menschen die Botschaft von Jesus nicht nur verstehen, sondern in ihrem tiefsten Herzen davon angesprochen werden. Das kann kein Prediger mit seiner Redekunst bewirken – ob Petrus oder Zimmermann. Der heilige Geist vollbringt Wunder an Menschen, die sich ernsthaft wünschen, mehr von Gott und seiner Botschaft zu verstehen. Plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen, plötzlich erschließt sich der Sinn des Gotteswortes, plötzlich entsteht das Gefühl: Dieses Wort gilt mir, es hat mir für mein Leben etwas Wichtiges zu sagen!


4. Der heilige Geist macht Menschen einig

In der Pfingstgeschichte hören den Aposteln ganz verschiedene Menschen zu: Ortsansässige und Zugereiste, Einwohner und Festpilger, geborene und übergetretene Juden. Im Anschluss an die Predigt des Petrus lassen sich von ihnen dreitausend Menschen taufen und kommen dazu zur ersten Gemeinde derer, die an Jesus glauben. Menschen aus aller Herren Länder und aus allen Kulturen schließt der heilige Geist zur ersten Gemeinde zusammen – deshalb ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche. Der heilige Geist kann uns dazu bringen, dass wir den anderen nicht mehr nur daran messen, wie weit er mit unseren Ansichten und Frömmigkeitsformen übereinstimmt, sondern dass wir uns freuen können an der Vielfalt, in der auch in unserer Gemeinde Menschen ihren Glauben leben, dass wir uns freuen können an dieser bunten Wiese Gottes.

Anonymus gekürzt




Monatsspruch April

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. (1. Petrusbrief 2,9)


Im ÖZ-Gottesdienst hat Priester Stojan Bajactarevic die nachstehende Predigt gehalten. Sie hat uns so gut gefallen, dass wir sie in diesem Heft gerne an der Stelle der Andacht zum Monats-spruch für April zum Nachlesen bereit stellen.


Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.

Jeder Mensch und jede Gesellschaft strebt im Laufe des Daseins nach etwas Besserem und etwas Höherem. Den Weg zu diesem Ideal kann man den Pilgerweg unseres Lebens nennen.

Ich möchte an dieser Stelle, den Weg der serbisch-orthodoxen Gemeinde in Frankfurt kurz beschreiben. In den frühen 60er Jahren, aufgrund von Arbeitslosigkeit, schlechten materiellen Umständen und ungünstigen politischen Wendungen, zog ein großer Teil der Bevölkerung aus dem ehemaligen Staat Jugoslawien aus ihrer Heimat, auf der Suche nach einer besseren Zukunft in einem fremden Land. Im Zuge dessen kamen viele Serben nach Deutschland. Dieses Volk hat hier Arbeit gefunden, Familien gegründet und eine bessere, sichere Zukunft geschaffen. Auf seiner Pilgerreise hat das serbische Volk alles gefunden, was für das materielle Wohl notwendig ist. Aber für die geistlichen Bedürfnisse fand es fast nichts.

Zu dieser Zeit gab es nur wenige serbisch-orthodoxe Kirchen. Und diese unterstanden der russisch-orthodoxen Auslandskirche, die wie die serbische Kirche aus einem Land stammt, in der sie unter dem Kommunismus litt. Orthodoxe Serben durften ihre Kirche nicht aufsuchen, aus Furcht vor politischer Tortur in ihrem Herkunftsland. So wurden sie eine kritische Masse und Zielgruppe von Sekten und verschiedenen satanistischen und spirituellen Gesellschaften.

Das serbisch-orthodoxe Patriarchat in Belgrad wusste von diesem Problem, war aber aufgrund der politischen Situation, nicht in der Lage, etwas zu unternehmen. Doch wie die Sonne, die den Nebel durchdringt, kam das Angebot der evangelischen Kirche, der serbisch-orthodoxen Kirche zu helfen. Dem Patriarchat wurde angeboten, seine Bischöfe und Priester nach Deutschland zu entsenden. Darüber hinaus, übernahm die evangelische Kirche die finanzielle Unterhaltung der Priester und sie bot ihre Kirchen als Räumlichkeit für den orthodoxen Gottesdienst an. So wie das serbische Volk seinen Pilgerreise zu einer besseren Zukunft antrat, so hat auch die serbisch-orthodoxe Kirche eine Pilgerreise in ein fernes Land unternommen. Vor dreieinhalb Jahrzehnten führte dieser Pilgerweg die serbisch-orthodoxe Kirche hier in das Ökumenische Zentrum Christuskirche. In genau dieser Kirche hat die evangelische Gemeinde nicht nur ihre Gastfreundschaft bewiesen, sondern betrachteten ihre Gäste als Partner in der christlichen Mission. Dank ihrer Gastgeber, verwandelte sie sich die kleine serbische Gemeinschaft in eine große kirchliche Gemeinde. Die evangelische Gemeinde hat ihren Gästen dabei materiell und finanziell geholfen. Sie half außerdem bei der Einrichtung einer serbischen Schule, eines internen orthodoxen Religionsunterrichts, Kirchenchors, Ikonographie-Kurses und vielen weiteren Aktivitäten in der serbisch-orthodoxen Kirche in Frankfurt.

Zu der Zeit des tragischen Krieges in Jugoslawien, waren die Gastgeber, trotz aller politischen und medialen Kampagnen, großzügig gegenüber den Serben und die Räume dieser Kirche waren Sammellager für humanitäre Hilfe für die vom Krieg betroffenen Menschen. Dank des Verständnisses und Großzügigkeit unserer Gastgeber, besitzt die serbischorthodoxe Kirche heute eine eigene orthodoxe Kirchel, aber wir genießen auch weiterhin die Gastfreundschaft in dieser Kirche. Hier sind wir unter einem Dach mit Deutschen, Oromo und Chinesen. In der neuen Kirche teilen wir die Räume mit den Koreanern, die einst ebenfalls im Ökumenischen Zentrum ihre Pilgerreise in eine bessere Zukunft und die christliche Mission unter ihren Landsleuten begonnen haben. Heute stehen wir wieder – Gott sei Dank – zusammen, Seite an Seite. So wie damals die evangelische Kirche der serbischen Kirche auf ihrer Pilgerreise den Weg geebnet hat, so unterstützt die serbische Kirche heute die koptisch-orthodoxen Christen aus Äthiopien.

Zum Schluss möchte ich etwas persönliches sagen: All deine Mühen, etwas gutes und dienliches zu tun und zu verwirklichen, sind dein persönlicher Pilgerweg. Vielleicht wirst du dein Ziel nicht erreichen, vielleicht existiert dein Ziel nicht, aber der Weg dorthin ist interessant und anziehend. Auf diesem Weg gibt es viele Aufstiege und Fälle, Freude und Trauer, viele Betrüger und Räuber, aber auch viele gute Menschen, die dir ihre Hand reichen, wenn es am aller nötigsten ist.

Die ausgestreckte Hand eines guten Menschen ist nichts anderes als die Anwesenheit Gottes unter uns und ein Beweis seiner Sorge um dich und deinen Lebensweg. Deshalb habe keine Angst, deine Pilgerreise anzutreten. Wenn du die Angst besiegst, findest du deinen Frieden. Wenn du den Frieden findest, erkennst du den Herren. Und wenn du den Herren erkennst, frage ihn dasselbe, was ihn auch der Apostel Petrus, gemäß der Überlieferung, an den Toren Roms fragte: „Quo vadis, domine?“, Wohin gehst du, Herr? Wahrscheinlich wirst du, direkt oder indirekt, folgende Antwort bekommen: Du denkst, dass ich dich auf deinem Weg begleite, aber eigentlich führe ich dich dorthin, wo ich möchte, dass du ankommst. Zum Ziel, von dem du noch nichts weißt. Wenn du es erfahren willst, bleibe bis zum Ende bei mir. Du wirst deinen Frieden finden - und dein Ziel. Amen.

Priester Stojan Barjaktarevic





Andacht zum Monatsspruch März

Jesus Christus spricht: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! (Johannes 15,9)

Bleibt in meiner Liebe!

Inmitten von Trauer und Hoffnung, inmitten von Leid und Freude. Dies bleibt für uns auch heute. In der Liebe bleiben ist das Bindeglied zwischen Passion, Auferstehung und heute.

Jesus ist mit seinen Jüngerinnen und Jüngern vor dem Passafest zusammen. Er weiß, was vor ihm liegt und bereitet sie darauf vor. Als erstes wäscht er ihnen die Füße und teilt mit ihnen Brot und Wein.

Liebe ganz praktisch: wunderbarer Geruch und Frische. Müde und schmutzige Füße werden frisch und gestärkt.

Liebe ganz praktisch: miteinander Brot und Wein teilen. An Gründonnerstag erinnern wir uns daran und teilen miteinander.

Bleibt in meiner Liebe: Mit Leiden, tröstende Beziehungen, miteinander Aushalten, dass das Leben auch sinnlos und grausam ist, all dies findet in der Zeit vor dem Passahfest seinen Raum. Das Johannesevangelium ist in der Rückschau geschrieben, aus der Erfahrung der Auferstehung heraus.

Was bedeutet das? Das Kreuz bezeugt Gottes Gegenwart in Unrecht und Gewalt. Gott tröstet und stärkt die leidenden Menschen. Gott ist auch dort. Und es bedeutet auch: Dem Kreuz folgt die Auferstehung. Leiden, Unrecht und Schmerzen haben nicht das letzte Wort.

Bleibt in meiner Liebe!

Das Kreuz in unserer Kapelle ist ein „leeres Kreuz“ – ein Kreuz ohne Korpus. Es macht sichtbar: Jesus ist auferstanden! Jesus ist nicht im To-de geblieben. Doch das Kreuz verschwindet nicht einfach. Es bleibt im Raum. Leiden, Gewalt und Unrecht werden nicht ausgeblendet. Sie werden in Bezug zur Auferstehung gebracht! Denn der Tod hat auch in unserem Leben nicht das letzte Wort – wir können mitten im Leben aufstehen, mitten aus den vielen uns lähmenden und zerstörenden Strukturen und Beziehungen. Wie wir das tun können, hat Jesus in seinen Abschiedsreden und in seinem ganzen Wirken gezeigt.

Bleibt in der Liebe: inmitten des Leides Jesu und seiner Auferstehung!

An Gründonnerstag teilen wir die Tischgemeinschaft. Wir bedenken Jesu letzte Nacht vor dem Prozess, in dem er schuldig gesprochen wurde. Wir teilen miteinander Brot und Wein – Zeichen seiner Gegenwart!

Im Gottesdienst am Karfreitag gedenken wird des Kreuzestodes Jesu. In diesem Jahr wird dabei 2. Korinther 5, 14 b-21 im Mittelpunkt stehen.

Am Ostersonntag feiern wir, dass Gottes Liebe weiter reicht als der Tod, dass Gott den Leidenden nahe ist und von der Todesmacht rettet. Es ist mehr als wir denken und verstehen können. Und es ist die schönste Botschaft, die wir sagen dürfen.

Eine gesegnete Passionszeit bis zum Osterfest und darüber hinaus wünscht Ihnen Ihre

Pfarrerin Gisela Egler-Köksal




Andacht zum Monatsspruch Februar

Wenn ihr beten wollt und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt. (Markus 11,25)

Übersetzt in Kategorien des Films bedeutet das schnelle Schnitte. Eher ein dramatisch zusammengefügter Videoclip als ein elegischer Spielfilm tritt einem vor Augen, kurz der Inhalt des Kapitels zusammengefasst: Jesu Einzug in Jerusalem, die Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel, die Geschichte vom verdorrenden Feigenbaum und schließlich die Frage der Hohepriester und Schriftgelehrten nach Jesus Macht und dem Glauben – schier atemlos eilt die Handlung voran. Inmitten der Geschichte vom verdorrenden Feigenbaum findet sich die Monatslosung des Februars 2016. Es macht Sinn, sich eingangs den vorangehenden Vers vor Augen zu führen, denn aus ihm, aber auch dem folgenden heraus ist die Losung zu verstehen. In Vers 24 heißt es: „Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, dass ihr es empfangen werdet, so wird es euch gegeben.“

Die Geschichte vom Feigenbaum, dessen Siechtum und Verdorren Jesus angekündigt hat: Binnen weniger Stunden wird seine Ankündigung wahr, bis hin zu den Wurzeln wird der Niedergang des Baumes besiegelt – ein Sinnbild für die Kraft des Glaubens über das Übliche hinweg. Jesus vermag auch das Unerwartete, das Unglaubliche, umzusetzen, unabhängig von den alltäglichen Läufen der Natur. Gewohnt sind wir: Ein Baum sieht erst kümmerlich aus, dann verliert er über Tage oder Wochen seine Blätter und nach weiterer Zeit ist sein Schicksal besiegelt. Ein radikales – sprichwörtlich an die Wurzeln gehendes Glaubensbild wird hier geschaffen. Deutlich steht es einem vor Augen, das – in diesem Fall vernichtende – Wunder, das Jesus zuwege bringt.

Aber es ist eben kein Standbild. Hier geht es nicht um erzählerisch lineare Verläufe. Mehrere Stränge laufen nebeneinander her. Das betrifft die Aktionen, aber auch die anderen Inhalte. Mit dem Gebet allein ist es nicht getan, mit der Zuwendung allein zu Gott. Mk 11,25 stellt den Bezug zum irdischen Gegenüber her, ihm zu vergeben, verschränkt sich mit dem Ansprechen Gottes, ohne diese zwischenmenschliche Komponente ist das Beten nicht zu denken.

Vergeben und verzeihen im hier und jetzt, im Handeln und im Herzen, ohne dies führt das Gebet nicht weit, tritt das Wunder in den Hintergrund. Vers 26 betont es noch einmal: „Wenn ihr aber nicht vergeben werdet, so wird euch euer Vater, der im Himmel ist, eure Fehler nicht vergeben.“ Streng und ohne „wenn und aber“ ist die Botschaft. Aber auch zutiefst human und befreiend. Werft eure Last ab, die schlechten Gefühle, den Ärger, den ihr mit euch herumtragt hier auf Erden und tretet so gestimmt vor den Herren.

Bei Filmen, kleinen oder auch Breitbandepen, gibt es diese Momente, wo der Knoten platzt, wo die Kamera, die vorher schier zu wirbeln schien, ruhig wird, nach rechts schwenkt, nach links, zur Ruhe kommt und ein Panorama entsteht. Vordergrund und Hintergrund fügen sich zusammen. Als solch ein Moment kann Mk 11, 25 gelesen werden.

Bettina Behler



Monatsspruch Januar

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2. Tim 1,7 (E))



Andacht zum Monatsspruch Dezember

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. (Jesaja 49,13)

Jubeln – ob ich glaube, zweifle, jammere, fern von Gott bin, fern vom Jubeln bin. Denn Gott hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden. Wo sehen wir dies? Angesichts eigener, als unlösbar erlebter Probleme und Schwierigkeiten. Angesichts der Kriege, Vertreibungen, der Hungersnöte in Äthiopien und in anderen Ländern der Welt, der Unterdrückung und der Ungleichheit? Wir verzweifeln oft an uns und unseren Nächsten und an unserer Welt und wissen nicht weiter. Aber: Gott tröstet und erbarmt sich: deshalb jubelt!

Jubel und Staunen sind der Ausdruck eines Glaubens, der mit allem rechnet und selbst das Unmögliche wagt. Wer denkt schon, dass die Berge in Jubel ausbrechen können? Und wir jetzt gemeinsam mit Himmel, Erde und Bergen jubeln sollen! Was für eine Verstärkung unserer oft dünnen menschlichen Stimme!

Wann haben Sie das letzte Mal gejubelt? Wann hast Du das letzte Mal gestaunt? Jubelt, denn Gott erbarmt sich!

Haben Sie Jubeln schon einmal mit Gottes Erbarmen zusammengedacht? In dem Wort „Erbarmen“ liegt das hebräische Wort ʺrechemʺ, Mutterschoß, Gebärmutter. Der Sitz von Gefühlen, Wärme, Lebenskraft und die Erfahrung des Gebärens und Ringens um Leben. Damit wird die Erfahrung des Lebens, das aus dem Mutterschoß kommt, und die Erfahrung der Hilfe, die von Gott kommt, zusammengebunden. Das Erbarmen Gottes nährt und schützt jede und jeden Einzelnen von uns, lässt in Ruhe wachsen – wie in der dunklen Gebärmutter. Erbarmen ermöglicht Wachstum und Verwandlung auch der Gemeinschaft.

Jubeln – an Weihnachten in besonderer Weise. Klein und verletzlich kommt Gott in Jesus in diese Welt, in eine schier ausweglose Situation, unscheinbar in einem Stall, ohne sichtliche Perspektiven. Schon direkt nach seiner Geburt mussten Maria und Josef mit ihm nach Ägypten fliehen. Gott begegnet uns in Jesus, verkündigt die Verheißungen einer gerechten und friedvollen Welt, die mit ihm und durch ihn Wirklichkeit werden. Er durchbricht den Teufelskreis von Gewalt und auswegloser Verstrickung in das Böse. Trotz Gewalt, Schuld und Tod ist Verlass auf Gottes Liebe, Gerechtigkeit und Vergebung. Bis heute hören wir das Evangelium inmitten trotz allem und mit Staunen …

Eine erwartungsgefüllte Adventszeit, ein wundervolles Weihnachten und ein gesegnetes Jahr 2016, gefüllt mit Jubeln und Staunen auch in unserer Gemeinde und im Ökumenischen Zentrum wünscht Euch und Ihnen

Pfarrerin Gisela Egler-Köksal



Andacht zum Monatsspruch November

Erbarmt euch derer, die zweifeln. (Judas 22)

Der Judasbrief, der nicht von dem Judas stammt, den wir kennen, wendet sich mit harten Worten gegen die, die sich von der Gemeinde und vom rechten Glauben abgewandt haben, gegen die Gottlosen, die ein lästerliches Leben führen. Und gegen die, die zweifeln. Weh ihnen! Der ganze Brief ist eine einzige Philippika.

Leute die zweifeln, sind Sünder. Soviel stand fest. Einmal Christ geworden, heißt zu glauben, nicht zu zweifeln. Das war nicht nur damals bei den ersten Christen so, das zog sich bis in unsere Zeit hinein. Zweifeln ist Sünde. Punkt.

Heute nennt man zweifeln „hinterfragen“ oder besser noch: „kritisch hinterfragen“. Nicht leichtgläubig sein. Sich nicht für dumm verkaufen lassen. Im Lexikon steht bei Zweifel: 

„ ... Ungewissheit in der Erkenntnis ob wahr oder falsch ... In Zweifel stellen einer Aussage, um so zu sicherem, zweifelsfreiem Wissen zu gelangen“. Ist das möglich bei dem, was wir glauben?

Einige Verse davor steht: „Ihr aber, liebe Brüder, denkt an die Worte, die von den Aposteln Jesu Christi, unseres Herrn, verkündet worden sind ... gründet euch auf euren hochheiligen Glauben und baut darauf. Betet in der Kraft des Heiligen Geistes, haltet fest an der Liebe Gottes und wartet auf das Erbarmen Jesu Christi, unseres Herrn, der euch das ewige Leben schenkt.“

Und hier muss nun der Heilige Geist ins Spiel kommen. Er soll und kann uns bestärken, uns „bei der Stange halten“, dass wir den Weg, den wir einmal als den richtigen erkannt haben, weitergehen und uns nicht beirren lassen. Dass wir in Schwierigkeiten nicht anfangen zu zaudern und zu straucheln.

„Haltet fest an der Liebe Gottes und wartet auf das Erbarmen Jesu Christi, unseres Herrn, der Euch das ewige Leben schenkt.“

Mag man die eine oder andere überlieferte „Tatsache“ berechtigterweise hinterfragen können, aber zweifeln wir niemals an der Liebe Gottes, unseres Vaters, und am Erbarmen Jesu, der nicht nur unser Herr, sondern auch unser Bruder geworden ist! Der Liederdichter Johann Heermann hat 1630 so gebetet:

Erleuchte, die da sind geblendt,

bring her, die sich von uns getrennt,

versammle, die zerstreuet gehn,

mach feste, die im Zweifel stehn.

Maria Pohlmann



Andacht zum Monatsspruch Oktober

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (Hiob 2,10)

Hiob gibt ein jämmerliches Bild ab. Er hat seinen Besitz und seine Kinder verloren und nicht genug, er hat „bösen Ausschlag“ (1,7). Vom Scheitel bis zur Sohle ist Hiob krank und unansehnlich. Ein gutes Leben ist nicht erkennbar. Hiobs Frau spricht aus, was viele denken, wenn sie das Kapitel Hiob in der Bibel lesen! Sie wünscht ihrem Mann das, was man einem Menschen wünscht, wenn er sehr krank ist und schwer leidet: Sterben zu dürfen, erlöst zu sein vom Leid und Schmerz. Doch Hiob denkt ganz anders als seine Frau und seine Freunde, die übrigens ähnlich reagierten wie die Frau. Hiob nimmt das, was ihm passierte, an. Weil er weiß: Gott ist trotz allem bei mir und er liebt mich!

Das Buch Hiob hat mir den vertrauens­seligen Glauben genommen, Wie war die Glaubenswelt in den Kindertagen doch klar geregelt. Da war noch unangefochten der Tun-Ergehen-Zusammenhang und Gott gehorchte dem Zusammenhang zwischen unseren Gut-Taten und seinem Heilsversprechen. Und wenn wir heute ehrlich nachdenken, fallen wir oft zurück in diese plumpe Heilsmechanik: Ich gebe, damit Du gibst – ‚do ut des‘. Bis wir merken, dass Gott nicht unser Befehlsempfänger ist. Auch in der Theologie dauerte es sehr lange von diesem Automatismus wegzukommen und Gottes Willen zu respektieren.

Das Buch Hiob ist ein erster Schritt innerhalb eines Entwicklungsprozesses, der über das Ziel der Zeit und das Jüngste Gericht führt und in den Büchern Kohelet und den Makkabäer die Hoffnung auf eine Vergeltung der Taten eines unschuldig leidenden Gerechten im Jenseits andeutet. Eine wirkliche Antwort auf die qualvolle Frage des Hiob gibt dann das Neue Testament, und besonders deutlich Paulus im Römerbrief. Dort heißt es: „Die Leiden der gegenwärtigen Zeit bedeuten nichts im Vergleich zur Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“
Römer 8, 18.

Die Erkenntnis unserer Erlösungsbedürftigkeit ist für uns die notwendige Einsicht in das Heilshandeln Gottes, das uns in Tod und Auferstehung unseres Bruders Jesus begegnet. Eine Fundgrube für die Glaubenszuversicht eines Hiob finden wir in vielen Liedern von Paul Gerhardt, lesen Sie einmal die 4.und 5. Strophe des Liedes „Gib dich zufrieden und sei stille …“ EG 370.

Der Zusammenklang von Freude und Leid, die beide von Gott her kommen, finden ihre Entsprechung in unserem Gebet des Dankens und der Klage, die in Gott geborgen sind.

Claus Ludwig Dieter



Andacht zum Monatsspruch September

Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Matthäus 18,3)

Dieser Vers 3 aus dem Matthäus-Evangelium muss im Zusammenhang gelesen werden. Die Verse 1-4 lauten nach der Luther-Übersetzung unter der Überschrift „Rangstreit“ wie folgt:

  1. In derselben Stunden traten die Jünger zu Jesu und sprachen: Wer ist doch der Größte im Himmelreich?

  2. Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie

  3. und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, das ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

  4. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.

Die Jünger verraten sich durch ihre Frage. Sie gehen davon aus, dass Jesus als Sohn des großen Königs sein Reich aufrichtet. Daraus ergibt sich für sie vor allem die Frage, wer denn dann (von ihnen) den höchsten Rang darin einnehmen wird. Sie beweisen durch diese Frage eine sehr mangelhafte Einsicht in den dem Messias vorgezeichneten Kreuzesweg und in das Wesen des Reiches Gottes.

Daher hatte Jesus guten Anlass zu einer eingehenden Unterweisung, wie es in seinem Reiche und in seiner Gemeinde gehalten werden soll. Er sagt den Jüngern und damit uns Menschen, die wir gerne groß und unabhängig sein wollen, dass man im Reiche Gottes dem Kindlein gleich werden muss. Das Kennzeichen des Kindes spricht für sich: Es ist klein und abhängig, es kann ohne seine Eltern nicht leben.

Demnach sollen wir ebenso abhängig werden von Gott, dem Herrn, und demütig sein in seiner Nachfolge, und zwar als Beweis, dass wir zu ihm gehören.

Die vorstehenden Ausführungen entstammen Erläuterungen, die ich den Bibeltexten der Lutherbibel aus dem Jahre 1912 sowie der „Bruns-Bibel“ aus dem Jahre 1965 entnommen habe. Ich will aber noch einen eigenen Gedanken hinzufügen:

Ein kleines Kind ist noch nicht sehr klug, es weiß noch nicht viel, es hat noch keine große Lebenserfahrung, es hat noch keinen starken Verstand, mit dem es alle erklären und begreifen kann bzw. zumindest will. So sollten wir auch unseren Verstand nicht als letzte Instanz betrachten, bei der Frage nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn des Glaubens, dem Sinn und dem Wesen des Himmelreichs und der Gottesherrschaft. Wir sollten vielmehr wie ein Kind völlig unvoreingenommen und offen sein für neue Erkenntnisse, neue Erfahrungen und damit letztendlich Glaubenswahrheiten, die unser Verstand weder nachvollziehen noch begründen kann. Wir sollten demütig unsere eigene Begrenztheit und Unvoll-kommenheit hinnehmen und akzeptieren in der Gewissheit, dass es et-was Größeres und Vollkommeneres gibt, bei dem wir uns sehr geborgen fühlen dürfen.

In diesem Sinne wünsche ich uns eine „kindliche“ Glaubenszuversicht bis in unser hohes Alter.

Dr. Max Schumacher


Andacht zum Monatsspruch Juli

Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel. (Matthäus 5,37)

Sag klar und deutlich, was du meinst, ohne Umschweife, ohne „Ja aber“ oder „Ja, das muss ich mir überlegen“ oder „Ja, vielleicht will ich dies oder das tun oder bedenken“, und weiter und so fort. Und ebenso gilt dies für ein Nein, das wir antworten. „Nein, außer vielleicht ….“, „Nein, jedoch möchte ich über die Entscheidung einmal schlafen“, so dass der andere nicht weiß, ob er sich nun darauf verlassen kann. Und auch keine unnötigen Bekräftigungen: „Nein. Das ist ganz ausgeschlossen für mich“, oder „Nein. Das ist mein letztes Wort“. Wir sollen allezeit entschieden und wahrhaftig, klar und besonnen antworten und danach handeln.

Der Monatsspruch steht in der Bergpredigt. Jesus ist auf einen Berg gegangen und lehrt die Menschen, wie die Verwirklichung der Gottesherrschaft im ethischen Bereich aussieht. Luther schreibt, dass Matthäus in der Bergpredigt die „rechte Gesetzeserfüllung für uns kommentierte.“ Ein Gesetz, dass uns nicht unfrei und furchtsam macht, sondern dem wir zustimmen können, weil es gut für uns ist.

Unser Satz ist der Schluss eines Abschnitts über das Schwören. Jesus, so heißt es dort, erinnert erst daran, dass Moses die Menschen ermahnt hat, dass sie keine falschen Eide schwören sollen und dass sie einen Eid, den sie Gott gegenüber ausgesprochen haben, auch halten. Und dann spitzt er diese Ermahnung zu und sagt: „Ihr sollt überhaupt nicht schwören“. Ein klares „Ja, ja“ oder „Nein, nein“ ist alles, was nötig und gut ist. Die feierliche, doppelte Bejahung und Verneinung genügt, um den Eid überflüssig zu machen.

So dachte auch unser ehemaliger Kirchenpräsident Martin Niemöller (1892-1984). Er hatte ein bewegtes Leben. Er war Marineoffizier, studierte dann in Münster Theologie und wurde 1931 Pfarrer in der Gemeinde Berlin-Dahlem. Er predigte gewaltig, und die Leute strömten zu ihm. Wegen seiner mutigen Predigten saß er von 1937 bis 1945 als persönlicher Gefangener von Hitler in Sachsenhausen und Dachau im Gefängnis. Die Amerikaner befreiten ihn. Von 1947 bis 1965 war er Kirchenpräsident unserer Landeskirche, neben vielen anderen Ämtern. Die Frage: „Was würde Jesus dazu sagen“, war sein Kompass. Als er in Frankfurt vor Gericht stand wegen angeblich schädigender Beziehungen unserer Republik zu Russland, verweigerte er den Eid, der von ihm verlangt wurde, und berief sich auf Matthäus 5,36, den Vers, der unmittelbar vor unserem Monatsspruch steht. Das löste damals nicht wenige Irritationen aus, besonders in Frankfurt.

Wir sollen also die Verantwortung für die eigenen Worte ernst nehmen und keine Zuflucht dazu nehmen, dass eine höhere Macht unsere Verlässlichkeit garantiert. Wir sollen uns selbst zutrauen, dass wir für unsere Überzeugungen einstehen können, weil wir verlässlich sein wollen. Wir sollen zeigen, dass das gesprochene Wort einen hohen Stellenwert hat, und andere dazu einladen, auch so mit ihren Worten umzugehen.

Es tut Menschen und Beziehungen gut, wenn wir aufrichtig, wahrhaftig, verlässlich miteinander umgehen, wenn ein einmal gesprochenes Wort gilt. Und wenn dieses Wort aufgrund einer neuen Entwicklung nicht mehr gilt, dann sollte es klar zurückgenommen werden, wenn es sein muss, mit einer Entschuldigung. Die anderen haben ein Recht auf eine verbindliche Antwort. Denn wir freuen uns ja auch, wenn wir klare Verhältnisse haben. Unsere Mitmenschen haben auch ein Recht auf ein klares Nein, auch wenn es uns manchmal leichter fällt, ein halbes Ja zu sagen, um unser eigenes Gesicht zu wahren. Oder auch, um niemandem wehzutun. Wir müssen aber sicher sein, dass unser Nein nicht schadenfroh und böswillig ist. Wir müssen deutlich machen, dass wir aus Respekt vor den anderen dieses „nein“ deutlich sagen und begründen.

Und zwar nicht nur unter den Mitmenschen gegenüber, auch Gott gegenüber zählt ein klares „Ja, ja“ und „Nein, nein“. Aber Gott gegenüber können wir ehrlich und ohne Angst eingestehen, wie schwer es uns manchmal fällt, eine klare Entscheidung für ihn zu fällen. Wir dürfen uns immer wieder daran erinnern lassen, dass er zuerst ein klares „Ja, ja“ zu uns gesprochen hat.

Dietlind Schmidt-Clever



Andacht zum Monatsspruch Juni

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt! (Philipper 4,13)

„Zum Glück gibt’s den Segen“ wurde uns vom Kirchenpräsidenten in einer Impulspost-Kampagne der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) versprochen. Wenn wir in diesem Monat den Monatsspruch bedenken, müssen wir uns die Augen reiben, denn da ist Glück und Segen nicht so billig zu haben, im Gegenteil. Jakob kämpft mit all seinen Kräften um G’ottes Segen.

Der Vers kommt aus der Jakobsgeschichte im 1. Buch Mose 32,27. Jakob ringt bis zum Morgengrauen, um auf dem Weg zu seinem Bruder Esau den Fluss Jabboq zu überqueren.

Jahre nach dem Betrug an seinem Zwillingsbruder um das Erstgeburtsrecht will er diesen um Verzeihung bitten und ihm gegenüber seine Schuld zugeben, deshalb befürchtet er, dass dieser ihn töten wird. Jakob will reinen Tisch machen, nachdem er sich auch die 21 Jahre seit dem Betrug mit List und Tücke gegen seine Verwandtschaft durchgesetzt hat. Als sich der unbekannte Mann an der Furt durch den Fluss gegen ihn stellt, erkennt Jakob G’ott. Jetzt will er den geraubten Segen eingestehen und nicht mehr ausnutzen, deshalb kämpft er jetzt um den echten Segen G’ottes, der nicht mehr auf den Traditionen der menschlichen Gesellschaft beruht, sondern auf seiner persönlichen Beziehung zu G’ott. Für diesen Mut gewährt G’ott Jakob seinen Segen.

Gott will, dass wir mit ihm ringen, dass wir erwachsene Gegenüber von ihm sind und nicht bettelnde Kleinkinder. Zur Zeit Jakobs galt dies für sehr wenige Menschen, für Stammväter, Propheten, Heilige.

Jetzt haben wir alle Pfingsten als Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes erlebt. Wir haben den Geist G’ottes erhalten, mit dem wir uns selbst, unsere Mitmenschen, die Natur und G’ott verstehen können. Damit sind wir vor G’ott und voreinander erwachsen geworden. Jeder von uns kann zwischen Gut und Böse entscheiden, jeder kann den eigenen Glauben und seine Zweifel finden und aussprechen. Wir sind nicht mehr äußeren Zwängen ausgeliefert, sondern können, ja, müssen selbst wählen, handeln und verantworten.

Dabei begegnen wir G’ott immer wieder und erleben seine umfassende Liebe zu uns Menschen. Dies können und sollten wir immer wieder singend meditieren und mit Herz und Sinnen ergreifen und in unserem Leben in Handeln umsetzen.

In unserem Gesangbuch haben wir unter der Nummer EG 237 ein neu dazu gewonnenes Beichtlied. Der Deutsche Jude Fritz Rosenthal, der sich selbst den Namen Schalom Ben Chorin gegeben hat (Friede, Sohn der Freiheit), hat uns einen Psalm geschenkt, den es sich dabei zu reflektieren lohnt:

Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir,
Ursprung, in den ich münde, du fern und nah bei mir.
Wie ich mich wend und drehe, geh ich von dir zu dir;
Die Ferne und die Nähe sind aufgehoben hier.
Von dir zu dir mein Schreiten, mein Weg und meine Ruh,
Gericht und Gnad, die beiden, bist du – und immer du.

Claus Ludwig Dieter



Andacht zum Monatsspruch Mai

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt! (Philipper 4,13)

Monatssprüche gibt es seit 1934. Sie gehen auf eine Idee Oskar Schnetters zurück, der zu dieser Zeit Jugendwart in Kassel war. Jeden Monat sollte ein Bibelwort auf Plakaten verbreitet werden. Gottes Wort sollte Kraft und Orientierung geben.

Mit einem Bibelvers jeweils einen Monat zu leben, aus ihm zu schöpfen, das ist die Idee auch heute 70 Jahre nach dem Kriegsende und der Befreiung von der Verbrechensherrschaft.

Alles vermag ich durch ihn ...

Aus dem Gefängnis heraus schreibt Paulus diesen Satz an die Gemeinde in Philippi. Was befähigt den Apostel in einer nahezu ausweglosen Lage zu der Gelassenheit, aus der heraus er sagen kann: Ich kann niedrig und hoch sein, ich kann satt sein und hungern, ich kann Überfluss haben und Mangel leiden? (Philipper 4,12)

… der mir Kraft gibt!

Der mir Kraft gibt, der mich kräftigt, jeden Tag neu: Das Wort dynamis ist darin enthalten. Von Gott dynamisiert zu werden, davon lebt Paulus. Dazu gehört für ihn auch sein Dank an die Christinnen und Christen in Philippi für die materielle Unterstützung (Philipper 4,10). Teil der dynamis ist, dass sie ihn materiell unterstützen und er diese Gabe annimmt. Er ist durch den Glauben in Beziehungen eingebettet, die ihn auch in schwierigen Zeiten tragen. Geistiges und Materielles gehören hier unteilbar zusammen. Gleichzeitig betont Paulus, dass er sowohl Überfluss als auch Mangel kennt und in allen Lagen unabhängig bleibt. Denn da ist der, der ihm die Kraft zum Einen wie zum Anderen gibt.

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt!

Das ist der Grund auf dem Christinnen und Christen leben. Das ist die Basis unseres Handelns. Am 26. April haben wir den neuen Kirchenvorstand gewählt. Ein Dank an alle, die sich an der Wahl beteiligten. Ein Dank auch allen, die die letzten Jahre die Gemeinde geleitet haben und dies in Zukunft tun werden. Dieser Monatsspruch möge allen, die sich engagieren, Kraft und Halt geben!

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt!

Wir alle brauchen auch heute noch Monatssprüche. Denn wir brauchen Kraft, um menschenverachtendes Handeln zu durchschauen und in menschenachtendes Handeln zu verwandeln.

"Vielleicht heißt an Gott glauben, von sich absehen können, von der eigenen Kraftlosigkeit, von dem eigenen kleinen Mut und der Geringheit unserer Erfolge. Das Reich Gottes ist auf unserer Arbeit angewiesen, aber es steht und fällt nicht mit ihr. An Gott glauben heißt, sich nicht definiert zu sehen durch die eigene Schwäche. Es heißt, sich selbst ernst zu nehmen und zu würdigen ... . Auf Gott hoffen heißt aber auch, auf mehr zu hoffen als auf die eigenen Kräfte." (Fulbert Steffensky)

Ein gesegnetes Pfingsten wünscht Ihnen und Euch

Ihre Pfarrerin Gisela Egler-Köksal




Andacht zum Monatsspruch April

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! (Mt 27,54)

Als Jesus verschied, riefen die römischen Soldaten, die angeführt von ihrem Hauptmann das grausame Urteil des Pilatus in die Tat umsetzen mussten, entsetzt und erschrocken: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Diese Männer und alle Menschen, die um das Kreuz herumstanden, hatten eine kosmische Umwälzung erlebt, die Erde erbebte und die Felsen zerrissen und sie standen mitten drin! Und sie stimmten überein mit Pilatus, der unter das Kreuz schreiben ließ: INRI – Jesus, der Gesalbte, König der Juden.

In der Karfreitags- und Ostergeschichte des Matthäus kommen viele verschiedene religiöse Traditionen zusammen. Mit ihrer Hilfe versuchten die Menschen im 1. und 2. Jahrhundert das überwältigende Ereignis zu verstehen. Sie lebten in einer Welt, die geprägt war von der Vermischung verschiedener Religionen. Da gab es die Gnosis, die viele Mythen und Heilslehren früherer Religionen miteinander verband. Nach der Erfahrung der Auferstehung setzte sich die zweite Generation der Christen aber ein Stück weit von der Gnosis ab, für sie war die Auferstehung mit Jesus schon geschehen. Stark bestimmend war auch der Einfluss des Hellenismus auf die Christen, besonders in den Städten, denn die wichtigsten Städte des Frühchristentums waren hellenistische Gründungen. Die religiöse Sehnsucht der Menschen im Hellenismus wandte sich neuen Erlösergöttern zu, die mit den Menschen leiden, die sterben und auferstehen. Zentrale religiöse Ausdrücke dieser Religionen finden sich im Christentum wieder, wie Jungfrauengeburt, Auferstehung, Himmelfahrt.

Während das Christentum von Menschen der hellenistischen Kultur sofort angenommen wurde, zogen sich die jüdischen Gemeinden von ihm zurück. Aber da das Urchristentum Jesus als Erfüllung der jüdischen Verheißung sieht, kann es das Erbe des Judentums unbedenklich annehmen. Wie oben beschrieben, rechnete man im Judentum mit einer Auferstehung der Toten am Ende der Zeit und wartete dafür auf den Messias. Das war damals auch in anderen Religionen bekannt. Die Welt wartete und rechnete mit einem Menschen als Retter. Jesus ist es, der Auslöser für die Auferstehung der Toten ist. Er löst diesen Vorgang im Augenblick seines Todes aus. So sagt er kurz vor seinem Tod zu einem Mit­gekreuzigten: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Das heißt, dass Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung in diesem Augenblick zusammenfallen. Der neue Glaubenszweig, der mit dem Tod Jesu begann, setzt die Ereignisse später auf eine Zeitschiene, weil das Ereignis sonst schwer zu fassen ist. Drei Tage nach der Kreuzigung folgt die Auferstehung: Ostern. 50 Tage später ist Pfingsten angesetzt, die Ausgießung des Geistes Jesu, wobei daran zu erinnern ist, dass die Zahlen 3 und 50 in der jüdischen Tradition heilige Zahlen sind.

Der Evangelist Matthäus, der ein jüdischer Schriftgelehrter ist und 80 nach Christus schreibt, macht zu dem Ausruf der römischen Soldaten einen Zusatz, der zunächst fremd für uns ist. Hier haben wir es sicherlich mit einer Quelle zu tun, die aus den jüdischen  Geheimlehren der Kabbala oder dem Zohar stammt. Matthäus schreibt: „Und die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt, und die kamen nach seiner Auferstehung aus den Grüften hervor, gingen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.“ (Mt 27, 52f)

Was für eine herrliche Vision: Alle heiligen Menschen, die vor Christus lebten, werden in die Auferstehung mit eingebunden, das heißt Christus ist der Retter der gesamten Menschen, der ehemaligen, der heutigen und der kommenden Generationen, über alle Ländergrenzen hinweg und alle Zäune, die wir errichten: Was für ein großartiges Vermächtnis.

Dietlind Schmidt-Clever


Andacht zum Monatsspruch März

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? (Römer 8,3)

Wie nähere ich mich behutsam einem Monatsspruch, der wie selbstverständlich und ohne Ruf nach Erklärung erscheint? Selbst das Fragezeichen am Ende verändert nicht seinen triumphierenden Tenor. So ist es eben. Und so will uns dieser Vers aus dem Römerbrief in diesem Monat begleiten und erfreuen. Deshalb will ich den Satz auch nicht in seinem Zusammenhang ummanteln oder nach dem Weg fragen, auf dem Paulus zu dieser Zusammenfassung gekommen ist.

Den Zugang zum Monatsspruch hat mir Paul Gerhardt mit seinem Lied „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich … ." (im Gesangbuch Nr. 351) eröffnet, indem er in seiner Nachdichtung das umfassende, aber auch anonyme uns" durch „ich / mich" ersetzt hat. Dadurch wird der Vers augenblicklich leiser, vorsichtiger und andächtiger. „Ist Gott für mich, wer kann wieder mich sein?" Das „Ich" durchzieht alle Strophen seines Liedes, von denen die meisten den Monatsspruch interpretieren, indem sie ihn in konkrete Lebenssituationen hineinstellen.

Ein Halbsatz aus vier Wörtern führt Gott und mich zusammen – das lässt eher flüstern oder stammeln als siegesgewiss herausrufen. Aber – ob laut oder leise – das eindeutig bekennende „ich“ verleiht dem Satz sein Gewicht im Glauben und eröffnet in der Folge den Blick von mir selbst weg zum anderen Menschen, dem dieselbe „Gott für mich" – Zusage gilt, die er bestaunt. Auf diesem Weg, über das gewagte „ich“, findet man ohne jeden Bruch wieder zum Satz des Paulus und seinem Gemeinschaft stiftenden „uns“ zurück, ohne wieder in Gefahr zu sein, die „wir / uns" – Formulierung als Möglichkeit zur Distanzierung oder Unverbindlichkeit zu verwenden.

Vielleicht nehmen Sie sich in diesem Monat das Gesangbuch, den Vers und die Zeit, um dem „Gott für uns“, den Christus Immanuel (übersetzt: „Gott mit uns") in ihrem Leben mit frohen, aber auch dunkeln oder verzweifelten Tagen zu erinnern?

Ingo Schumacher


     Kein Engel, keine Freuden, kein Thron, kein Herrlichkeit
     Kein Lieben und kein Leiden, kein Angst und Fährlichkeit,
     was man nur kann erdenken, es sei klein oder groß:
     der keines soll mich lenken aus deinem Arm und Schoß. (EG 351, 12)



Andacht zum Monatsspruch Februar

Ich schäme mich des Evangeliums nicht:
Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt.

Als Paulus dies an die erste Gemeinde in Rom schrieb (Römer 1,16), wurden die Christen wegen ihres Glaubens verlacht. Ein Gott, der sich kreuzigen lässt! Was können wir von so einem Gott erwarten?

P
aulus entgegnet ihnen: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht!“

Die Scham ist Paulus gut bekannt. Wie sie ihn gequält hat, davon berichtet er in seinen Briefen sehr eindrücklich. Jetzt schämt er sich nicht mehr. Das hat er hinter sich. Er ist Jesu begegnet. Er hat seinen Weg geändert. Er ist kein Verfolger der Andersdenkenden mehr, sondern vielmehr Botschafter der Liebe Gottes.

Paulus entgegnet ihnen: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht!"
Die Scham ist Paulus gut bekannt. Wie sie ihn gequält hat, davon berichtet er in seinen Briefen sehr eindrücklich. Jetzt schämt er sich nicht mehr. Das hat er hinter sich. Er ist Jesu begegnet. Er hat seinen Weg geändert. Er ist kein Verfolger der Andersdenkenden mehr, sondern vielmehr Botschafter der Liebe Gottes.

Wo wir manchmal verschämt im Bekanntenkreis verschweigen, dass wir uns zur Kirche halten, da erinnert uns Paulus daran, dass Gott keine Scham will. Gott will unseren Glauben, unser Vertrauen. Gottes Ja zu uns zu hören und daraus zu leben, das ist die Kraft, von der Paulus spricht. Das ist die Kraft, die hilft, sich bei Anfragen oder Spott nicht angegriffen zu fühlen. Denn sie schenkt die Erkenntnis, dass wir Ebenbilder Gottes sind. Unsere Würde hat hier ihren Grund.

Über unsere Seligkeit entscheidet nicht das Ansehen, das wir von uns selbst oder das andere von uns haben, sondern Gottes Blick auf uns.

1500 Jahre nach Paulus wird für Martin Luther dieser Satz aus dem Römerbrief zum Schlüssel für seinen Glauben. Das Evangelium gab ihm den Mut, Kaiser und Papst zu widerstehen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen."

Solchen Mut brauchen wir als Christen auch heute. Egal in welche Konflikte wir uns auch einmischen! Und einmischen sollen wir uns, wenn es um Krieg und Frieden, um Folter, um Armut und um Flüchtlingsschicksale geht. Unsere Welt braucht Menschen, die mit der Nächstenliebe konkret ernst machen und sich an den Seligpreisungen unerschrocken und mutig orientieren und sich für eine lebenswerte und menschliche Welt und für Lebenschancen für unsere Mitmenschen einsetzen.

Ich schäme mich des Evangeliums nicht:
Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt.


Sprechen Sie einmal vor dem Spiegel diesen Satz laut und mit Nachdruck vor sich hin. Ich bin überzeugt, dass Sie im Rücken dabei schon etwas von der Kraft spüren, die Gott jeder und jedem von uns schenken will!

Probieren Sie es einmal! Und immer wieder!!!
Claus Ludwig Dieter

Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zur Herrlichkeit Gottes. (Römer 15, 7)

Die Jahreslosung für 2015 kommt daher wie ein Gutmenschenspruch: „Nehmt doch einander an." Vorsicht. Damit hätte Paulus dann nur eine mitmenschliche Forderung, ein erstes Gebot globalgültiger Menschenrechte erhoben. Allerdings haben die Herausgeber der Jahreslosung sein die Argumentation einleitendes „darum" nicht mitzitiert. Das weggelassene „darum" droht den Ernst und die Schwere des Paulusworts zu verharmlosen, weil es die Verbundenheit der menschlichen Ebene mit der von Christus und Gott nicht zwingend folgernd benennt. Paulus schreibt: „Darum“ nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zur Herrlichkeit Gottes." 

Das „Darum" verweist darauf, worum es hier geht: die gegenseitige Annahme zur Herrlichkeit Gottes. Luther übersetzt zu „Gottes Lob", Wilkens: „zum Preise Gottes". Auf dieses „zur Herrlichkeit Gottes" zielt, erstens, dass Christus uns angenommen hat, und zweitens, dass wir einander annehmen können. Damit hat Christus auch das Schwerste an uns zu Ertragende mit angenommen – unsere Entfremdung und Gottes-vergessenheit.

Christus hat uns glauben gemacht, dass hinter jedem von Gier und Hass verzerrten Gesicht das Antlitz eines Gotteskindes steckt. Zu fragen ist: wie kann solche Verzerrung aufgehoben werden? Eine Antwort gibt die Jahreslosung 2015: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Durch solche Annahme wird die Herrlichkeit Gottes erkennbar."

Einander annehmen hat mit Gastfreundschaft zu tun, nicht mit „deutscher" Gastfreundschaft, sondern mit orientalischer: „Lass es dir gefallen, mein Gast zu sein." „Mir gereicht es zur Ehre, wenn du mein Gast sein willst." Es preist Gott, wenn ihr einander annehmt, wie auch Christus euch angenommen hat. In unserer gegenseitigen Annahme kommt die Herrlichkeit Gottes zum Leuchten – eben wenn es die gelingt, die Krummigkeiten am anderen und vergessene Mitmenschlichkeit durch gegenseitige Annahme aufzuheben.

Pfarrer Dr. Ingo Roer