Zum Archiv‎ > ‎

2012 - Studientag "Die beten ganz anders"

veröffentlicht um 05.03.2015, 02:51 von webmaster B   [ aktualisiert 29.04.2015, 05:48 von B Caruso ]

Die Dokumentation des Studientags "Die beten ganz anders." kann im Gemeindebüro bestellt werden.

„Die beten ganz anders“  
Wenn Gemeinden unterschiedlicher Sprache und Tradition
zusammen Gottesdienst feiern

Gesprächsabend: Die beten ganz anders (6. 11. 2013)
Merga Negeri Arabe
Beten in einer afrikanischen Gemeinde lutherischer Tradition
Heike Seidel-Hoffmann
Beten in der kirchlichen Tradition in Deutschland

Gesprächsabend: Gemeinsamer Gottesdienst (13. 11. 2013)
Fidèle Mushidi
Das Herz der Evangelischen französisch-reformierten Gemeinde F
(EFRG) ist der Gottesdienst
Bruno Schoen
Wie in der EFRG auf Deutsch und auf Französisch Gottesdienst
gefeiert wird

Studientag (23. 11. 2013)
Merga Negeri Arabe
Die Religion der Oromos, ihre Frömmigkeit und ihr Gottesdienst
Dietmar Burkhardt,
Gottesdienst feiern im Zwischenraum

Wir möchten Sie schon jetzt auf einen Studientag hinweisen, den wir im Ökumenischen für Samstag, den 3. November 2012, im Rahmen der Interkulturellen Woche planen.
Wir möchten informieren über
Gudina Tumsa. Er war evangelischer Pfarrer und von 1966 bis 1979 Generalsekretär der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus. Seine theologischen Schriften könnten für das Denken  afrikanischen Kirchen eine ähnliche Wirkung haben wie Dietrich Bonhoeffers „Widerstand und Erhebung“.

Leben und Theologisches Denken von Gudina Tumsa

Programm 
  9.30 
Grußworte und kurze Einführung, Pfr. Dr. Reinhard Kees, Berliner Missionswerk 
10.30 Leben und Wirken von Gudina Tumsa, Lensa Gudina, Direktorin der Gudina Tumsa Stiftung, Addis Abeba
12.00 Gudina Tumsa und Dietrich Bonhoeffer, Gerd Decke, ehemaliger Sekretär der Berliner Mission für das
         Horn von Afrika

13.00 Imbiss
14.00 Gudina Tumsa und sein Verständnis ökumenischer Harmonie,
Dr. Rev. Tasgara Hirpo, ehemaliger
         Präsident der Western Synode der Äthiopisch Evangelische Kirche Mekane Yesus

15.00 Gesprächsrunde mit den Referenten, Moderation: Dr. Karl-Heinz Dejung, Mainz
16.00 Ausklang

Leben und Wirken von Gudina Tumsa (1929-1979)

Pfarrer Gudina Tumsa war maßgeblich am Aufbau der Evangeli­schen Mekane Yesu Kirche in Äthio­pien beteiligt und von 1966 – 1979 ihr Generalsekretär. Als Kaiser Haile Selassi 1974 gestürzt wurde, brachte Tumsa den neuen sozialistischen Machthabern zunächst positive Erwar­tungen entgegen. Er erhoffte sich vor allem von der angekündigten Landre­form mehr Gerech­tig­keit und bessere Lebensver­hältnisse für die Bevölke­rung. Aber das Regime entwickelte sich zu einer brutalen kommunistischen Diktatur, und Tumsa geriet, obwohl er selbst nicht politisch tätig war, bald in Opposition. Weil er sich der Zusammenarbeit mit dem Regime verweigerte und auch in seinen Predigten kein Blatt vor den Mund nahm, wurde er mehrmals inhaftiert.  

Am 28. Juli 1979 predigte in einem Abendgottesdienst über den Text aus dem Lukasevangelium, in dem es heißt: „Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14, 27). Auf der Rückfahrt wurde er auf offener Strasse von bewaffneten Männern überfallen, entführt und noch am selben Tag umgebracht. Seine Frau und seine Mitarbeiter versuchten herauszubekommen, was mit ihm geschehen war, aber stießen auf eine Mauer des Schweigens. Später wurde auch seine Frau, Tsehay Tolessa, festgenommen. Sie verbrachte 10 Jahre in verschiedenen Gefängnissen, wurde misshandelt und erniedrigt. Drei Töchtern und einem Sohn gelang es, zum Teil mit kirchlicher Hilfe aus Deutschland, Äthiopien zu verlassen.

Nach dem Sturz des Militärregimes im Jahre 1991 stellte die Familie Nachforschungen über sein Schicksal an. Schließlich meldete sich ein Soldat, der Tumsa kannte und sich nur widerwillig an der Aktion beteiligte hatte, und zeigte die Stelle im Garten des ehemaligen kaiserlichen Palasts, an der man Tumsa zusammen mit anderen Regimegegnern verscharrt hatte. Die Exhumierung fand am 27. Juni 1992 im Beisein der Familie vor laufenden Fernsehkameras statt. Zu seinem Begräbnis kamen Kirchenführer aus ganz Äthiopien, aus Schweden und aus Deutschland sowie der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds und Bischof Desmond Tutu aus Südafrika als Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen, um Gudina Tumsa zu ehren.

Wer war dieser Mann? Gudina Tumsa kam 1929 in einem Dorf im Westen Äthiopiens, in der Provinz Wollega, zur Welt. In einer Leseschule in seinem Dorf lernte er das Evangelium kennen. Bald kam er in Konflikt mit den Vertretern der traditionellen Religion, und er musste den Ort verlassen. Er ging, fast noch ein Kind, auf eigene Faust nach Nedjo, wo es eine schwedische Missionsstation mit Schule und Internat gab. Durch Gartenarbeit verdiente er sich seine Unterkunft. Bald fiel er durch seine große Begabung auf und wurde von Missionaren oft als Dolmetscher eingesetzt. Er arbeitete als Krankenpfleger und Lehrer und erhielt an dem Seminar von Nedjo gleichzeitig seine theologische Grundausbildung als Pfarrer. 1961 schickte ihn seine Kirche zur weiteren theologischen Ausbildung in die USA, wo er den Bachelor of Divinity erhielt.

Als Gudina Tumsa 1966 von seinem dreijährigen Studienaufenthalt an der Lutherischen Theologische Hochschule in St. Paul, USA, zurückkam, wurde er zum Generalsekretär der Evangelischen Mekane Yesus Kirche von Äthiopien berufen. Die Kirche war 1959 als ein Zusammenschluss verschiedener skandinavischer, vor allem schwedischer, und deutscher (Hermannsburg !) Missionsgründungen in Äthiopien entstanden. Tumsa hat an entscheidender Stelle ihren inneren Auf- und Ausbau und die Entwicklung einer eigenständigen kontext-bezogenen Theologie gefördert. In den USA hatte er sich mit Martin Luther King, dem Führer der amerikanischen Bürgerrechts-Bewegung, dem Sozialethiker Reinhold Niebuhr und besonders auch mit Dietrich Bonhoeffer und seinem Zeugnis in einer totalitären Diktatur auseinander-gesetzt. Er hat damals wohl schon geahnt, dass ein konsequentes Zeugnis für das Evangelium Leiden mit sich bringen kann.

Die Äthiopische Evangelische Kirche Mekane Yesus ist von 25.000 Mitgliedern bei ihrer Grün
dung inzwischen auf über 5 Millionen Mitglieder angewachsen. Sie ist heute die größte evangelisch-
lutherische Kirche Afrikas und die drittgrößte Kirche Afrikas. Ihr Wachstum beruht auch darauf,
dass sie sich, anders als z.B. die große Orthodoxe Kirche des Landes, von der Zusammenarbeit mit
den jeweiligen Machthabern freihält. Sie setzt sich aktiv für die Wahrung der Menschenrechte in der
Gesellschaft ein und unterhält Bildungseinrichtungen und Gesundheitsdienste im ganzen Land. Unter
Gudina Tumsas Leitung wurden regionale Synoden
(etwa vergleichbar unseren Landeskirchen)
gebildet, Evangelisten angestellt und Pfarrer ausgebildet. Wichtig war sein Drängen, dass in den
Synoden und Verlautbarungen und natürlich in den Gottesdiensten der Mekane Yesus Kirche die in
den Regionen gesprochenen Sprachen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Das gilt vor allem
für die lange Zeit gegenüber
dem Amharischen (der Sprache des Kaiserreichs, d.h. der inneräthiopi-
schen Kolonisatoren
) benachteiligte Oromo­sprache.
Die Gründung der Mekane Yesu Kirche lag in einer Zeit, als die Kirchen und Missionsgesellschaften 
im Westen anfingen, die „Misisonskirchen“ als gleichberechtigte Partner anzuerkennen. Als General-
sekretär seiner Kirche hat Gudina Tumsa diesen langwierigen Prozess in seinem Teil der Welt aktiv
befördert. Durch den inneren Ausbau der Kirche suchte er die Zersplitterung in Einflussgebiete
einzelner Missionsgesellschaften zurückzudrängen; in seinen theologischen Schriften begründete er,
warum die Befreiung von ausländischer Bevormundung auch voraussetzt, dass die jungen Kirchen
sich von der finanziellen Abhängigkeit aus Übersee freimachen und eigene Missions- und Entwick-
lungsprogramme initiieren. Sein Ziel war eine neue, im weitesten Sinne missionarische Gemein-
schaft lutherischer Kirchen in aller Welt, in der die Mekane Yesus Kirche gleichrangige Partnerin ist.
Unter seiner Leitung trat die Kirche dem Lutherischen Weltbund, der Gesamtafrikanischen Kirchen-
kon­ferenz und dem Ökumenischen Rat der Kirchen bei. Er hat sich außerdem darum bemüht, den
Kirchen Äthiopiens eine gemeinsame Plattform gegenüber dem Staat zu schaffen und gründete 1976
einen Rat für die Zusammenarbeit der Kirchen in Äthiopien. Das damalige Regime sah die Entwick-
lung einer unabhängigen gesellschaftlichen Stim­me im Land mit dem größten Misstrauen, und der
Rat hat sich nach Gudina Tumsas Tod nicht wieder versammelt.
Ein wichtiger Beitrag Gudina Tumsas zu einer theologischen Begründung des Engagements der 
Kirche ist seine Formulierung einer „holisti­schen“, also ganzheitlichen Theologie. Die amerikanischen
und europäischen Kirchen trennten damals und trennen heute stärker zwischen Mission und kirchli-
chem Entwicklungsdienst (u. a. wegen der Finanzierung von Entwicklungsprogrammen durch staat-
liche Gelder)
und zwischen geistlichem und politischem Engagement. Gudina Tumsa schrieb 1975
in einem „Memorandum“, einer Art geistlichem Testament an seine Kirche:  „Ganzheitliche Theologie
ist ein Versuch, die Gesamtheit des menschlichen Lebens wieder zu entdecken. Ein apolitisches
Leben ist nicht lebenswert. Sich nicht zu engagieren ist eine Leugnung der guten Schöpfung und der
Wirklichkeit der Inkarnation  … In unserem Kontinent ist das, was vorherrscht, die Basis für die
Definition von Wirtschaftspolitik, landwirtschaftlicher Entwicklung und auswärtigen Beziehungen –
Politik entscheidet, wer sterben soll und wer leben soll. Afrikanische Theologie sollte eine politische
Theologie entwickeln, die relevant ist für das afrikanische politische Leben.“ (Übersetzung G. Decke)
Für die Gemeinden im Ökumenischen Zentrum, nicht nur für die Oromo Gemeinde, die sich als Teil 
der Mekane Yesus Kirche versteht, können diese Worte und das Leben und Wirken von Gudina
Tumsa ein Ansporn für ein ganzheitliches Engagement in unserem Kontext und in Afrika sein.


Auf einem Studientag im Ökumenischen Zentrum im Rahm der Interkulturellen Woche, am 3. November 2012, wollen wir die Erinnerung an Gudina Tumsa wachhalten und uns mit der Geschichte und den Traditionen der Äthiopischen Evangelischen Mekane Yesu Kirche beschäftigen.

                                                                                                Hildburg Wegener