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2007 - "Indien" Zyklus des Mittwochsgottesdienste

veröffentlicht um 05.04.2010, 10:18 von Web Master   [ aktualisiert 29.04.2015, 05:43 von B Caruso ]
Spätestens seit dem vergangenen Jahr ist Indien, das im Oktober Gastland der Buchmesse in Frankfurt war, näher in unser Blickfeld gerückt. „Bollywood“ – die beliebte indische Filmindustrie in Bombay (neuerdings „Mumbai“) – boomt. Sie wird weltweit überwiegend als schrill, bunt und kitschig wahrgenommen, ist damit allerdings eine anerkannte Marke für sich geworden. Auch sonst hat Indien Hochkonjunktur, egal ob es um Mode, Musik oder die IT-Branche geht. Der Dienstleistungssektor expandiert ebenfalls. Dabei war Indien ursprünglich ein klassisches Agrarland mit langer Tradition. Fest steht jedenfalls, dass die gesamte indische Wirtschaft rasant wächst und Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt bald einholen könnte.

Unsere Veranstaltung „Indien – Ein Land der Gegensätze“ passte zwar gut in diesen Zusammenhang, ihr Anlass war aber ein anderer. Es bestehen in der Gemeinde enge Verbindungen zum Verein „Deutsch Indischen Zusammenarbeit“, und die wollten wir in Form einer Vortragsreihe nutzen, um dieses komplexe Land voller Vielfalt und Widersprüche eingehend zu beleuchten

Der erste Abend hatte das Thema „Recht und Gerechtigkeit“. Der Entwicklungshelfer und Dr. Jona Aravind Dohrmann, dessen Mutter aus Indien stammt, referierte über den Ursprung und die Entwicklung der Menschenrechte in Indien. Eine Frage, die dabei im Mittelpunkt stand: Wie ist die moderne Verfassungswirklichkeit in Indien mit dem Kastensystem Indiens vereinbar, das schon tausende von Jahren besteht?

Am 20.06. widmeten wir uns Ghandi. Ist seine Lehre der Gewaltlosigkeit und des passiven Widerstands noch aktuell oder unzeitgemäß? Wir diskutierten darüber sehr angeregt mit dem Referenten Thorsten Gromes von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, der zurzeit seine Dissertation an der Universität Marburg schreibt. Die Relevanz von Ghandi gerade in der heutigen Friedens- und Konfliktforschung dürfte unbestritten sein. Seine Stellungnahme zu aktuellen weltpolitischen Problemen wäre sicher höchst interessant und hilfreich.

Eine Woche später befassten wir uns mit der Wirtschaft Indiens und die Problematik der Entwicklungshilfe in einem so genannten „Schwellenland“. Sollte sie überhaupt fortgesetzt werden? Bisher ist das ländliche Indien, und vor allem die Frauen dort, noch weitestgehend abgekoppelt vom Wirtschaftswachstum gewisser urbaner Zentren. Es referierte der frühere Mitarbeiter der Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit und stellvertretende Vorsitzender der Deutsch Indischen Zusammenarbeit, Bernd Wolf.

Pfarrer Dr. Johny Thonipar gab uns einen umfassenden Einblick in die differenzierte religiöse Welt Indiens. Es ist faszinierend und erstaunlich, wie überwiegend friedlich unter anderem Hindus, Moslems, Christen, Sikhs, Buddhisten und Zoroastrier in diesem multireligiösen und multikulturellen Land seit Jahrtausenden zusammenleben.

Durchaus spannend fiel dann am 11.07. Pfarrer Ulrich Wegners ungewöhnliche Interpretation der Geschichte von Kain und Abel im Kontext der Ökumene aus. „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Müssen wir den Konflikt der beiden Brüder als einen Konflikt zwischen sesshaften und nomadischen Kulturen sehen? Und was bedeutet das für das heutige Indien und das Verhältnis des so genannten Westens zu Indien? Es fiel schwer eine eindeutige Antwort zu finden.

Ein großes eigenes Thema waren am Mittwoch darauf die Kastenlosen Indiens. Wie brisant und bedrückend deren Lebenssituation nach wie vor ist, machte der beeindruckende Diavortag des Dipl. Sozialarbeiters Philipp Peter Müller klar. Anschließend sahen wir noch einen Film von und über die „Kastenlosen“ Indiens, die Dalit. Trotz der Hitze tauschten wir uns im Anschluss daran noch eifrig aus. Es gab auch die Gelegenheit, einer anwesenden Dalit Fragen zu stellen.

Am letzten Abend schließlich stellte die Bildungsreferentin Sybille Frank die Arbeit der „Deutsch indischen Zusammenarbeit“ in Nagpur und in 35 Dörfern südlich von Nagpur vor. Schwerpunkte sind unter anderem Gesundheit und Bildung. Vielleicht findet diese schöne, erfolgreiche Veranstaltung ja in naher Zukunft eine Fortsetzung, zum Beispiel mit einer Indien-Filmreihe.

Katja Fischer