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2008 - Afrikagottesdienst – im Andenken an Jean Claude Diallo

veröffentlicht um 05.04.2010, 10:27 von Web Master   [ aktualisiert 29.04.2015, 05:45 von B Caruso ]
Der Afrika-Gottesdienst, der am 13. April 2008 im Ökumenischen Zent-rum Christuskirche gefeiert wurde, war auch dem Andenken an Jean Claude Diallo gewidmet. Der Gottesdienst wurde ein- und auch wieder ausgeleitet mit einer sehr eindrucksvollen Trommelperformance, die der Musiker Florian Auls noch am Samstag mit Kindern eingeübt hatte. Die Chöre der frankophonen Französisch-Reformierten Gemeinde und der Presbyterian Methodist Church of Ghana setzten ebenso musikalische Akzente wie der zukünftige Kantor der Gemeinde, Gerald Ssebudde, der die Gemeinde musikalisch stützte. Pfarrer Fidèle Mushidi von der Französisch-Reformierten Gemeinde legte den Text Markus 10: 46-52 von der Heilung eines Blinden vor allem auch im Gedenken an den verstorbenen Jean Claude Diallo aus. Er hob hervor, dass es der blinde Bettler am Wegesrand selber ist, der Jesus durch Schreien auf sich aufmerksam macht und dadurch seine Heilung auslöst. „Wenn wir an die denken, die in unseren Kirchen versuchen, ihre Stimmen zu erheben, an die, die ohne Stimme sind, ohne Würde, ohne Schutz, ohne Kraft, ... an die, die anders als ich sind, in ihrer Religion, ihrer Kultur, ihren Lebensentwürfen – dann möchte ich die Kraft haben zu sagen: Meister, lass mich neu sehen. ... Lass mich, Herr, sehen den Durst nach Gerechtigkeit und die Hoffnung auf Glück. Öffne mir die Augen, damit ich dies alles in den Blick nehme, um für die Harmonie deiner Schöpfung zu handeln. ... Unser Bruder Jean Claude Diallo handelte in dieser Perspektive, sein Engagement ist in diesem Sinne zu verstehen.“

Jean Claude Diallo, geboren am 21. November 1945, starb am 21. März an einem Herzversagen. In Frankfurt, und weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus, wird er vielen noch lange im Gedächtnis bleiben. Diallo hinterließ in vielen das Gefühl, dass er zu früh gegangen war, dass er noch nicht fertig war, dass er gerade im Begriff gewesen war, weitere wichtige Schritte zu gehen – mit anderen – Schritte in Richtung auf eine Gesellschaft, in der alle, auch MigrantInnen und Flüchtlinge, mehr an ihren Rechten teilhaben sollten. Immer wieder drückt sich die Bestürzung über sein unerwartetes Ableben darin aus, dass Menschen aus seinem Umfeld sagen: „Ich hatte noch so viele Termine mit ihm in meinem Terminkalender, wir wollten uns treffen, wir planten, wir hatten uns gerade vorgenommen ...“
 
Diallo war ein echter Frankfurter – mit Migrationsgeschichte. Er liebte die Eintracht, Currywurst, die Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer). Liebevoll sprach er von seiner Stadt als der einzigen Metropole, die man in 24 Stunden zu Fuß durchqueren könne.

Zunächst war er zum Studium nach Deutschland gekommen und blieb – leider, wie er selbst sagte, danach hängen, weil sich die Regierung in Guinea in der Zwischenzeit in eine Diktatur gewandelt hatte. Diallo kam aus einem gut bürgerlichen, interreligiösen Haushalt, sein Vater war Katholik, seine Mutter Muslimin. Beide Eltern hatten sich aktiv für die Entkolonialisierung und Freiheit ihres Landes eingesetzt. Die Mutter war Marxistin, ebenso Wanderin zwischen den Welten, Quer- und Vordenkerin, wie er es später werden sollte.
Aus Protest gegen die Afrika-Reise von Papst Paul VI. tritt Diallo 1974 aus der katholischen Kirche aus. „Ende 1978 / Anfang 1979 entdeckte ich die Christus-Immanuel-Gemeinde mit ihrer Vielfalt“, schreibt er später über seine Entscheidung für die Evangelische Kirche. „Mir gefiel es damals, wenn ich hörte, dass die protestantische Freiheit stirbt, wenn sie zur privaten Freiheit wird und nicht Freiheit schafft für Unfreie.“

Als er 1986 zum zweiten Mal von Guinea nach Deutschland migrierte, ging er zunächst nach Düsseldorf. 1988 übernahm er dann die Leitung im Psychosozialen Zentrum für ausländische Flüchtlinge in Frankfurt. 1995 wurde er Leiter des Fachbereichs Ökumene, Ausländerarbeit und übernahm 1999 die Leitung des neuen Fachbereichs Interkulturelle Arbeit im Evangelischen Regionalverband.

Als ausgebildeter Psychologe fand er seinen Weg auch in die Politik, zunächst in seinem Herkunftsland Guinea, wohin er 1984 zurückkehrte, um erst als Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dann als Minister für Information und Kultur in der Regierung mitzuwirken. Ab 1997 saß er – der gebürtige Guineer mit französischem EU-Pass – in Frankfurt als ehrenamtlicher, anfangs parteiloser Stadtrat für die Grünen im Stadtparlament. Oberbürgermeisterin Petra Roth würdigte ihn in der Trauerfeier in der Katharinenkirche, stellvertretend für den gesamten Magistrat, als warmherzigen Menschen mit Humor. Sie betonte, dass den Kolleginnen und Kollegen im Stadtrat sein unermüdliches Engagement fehlen wird.

Immer wieder gewann der „Vollblut“- Politiker mit Herz seine Zuhörerschaft mit Sprichwörtern und Sprachbildern aus dem reichen Schatz seines Herkunftslandes Guinea. Diallo setzte sich dafür ein, dass niemand in Deutschland rechtlos bleiben sollte. Die Situation der Flüchtlinge blieb ihm ein Anliegen. So unterstützte er den Aufbau und Erhalt des Flughafensozialdienstes, der sich vor allem um die Menschen kümmert, die im Frankfurter Flughafen im Transitbereich auf ihre zwangsweise Rückführung warten. „Die sind per Gesetz dazu verurteilt, unter haftähnlichen Bedingungen vor sich hin zu vegetieren.“

Im Herbst letzten Jahres schaltete er sich in die heftig geführte Diskussion um den Moscheebau im Frankfurter Stadtteil Hausen ein. Es war die dezidierte Meinung des inzwischen (seit Januar 2007) Integrationsdezernenten, dass zur Vermeidung der viel beschworenen und befürchteten Parallelgesellschaften is-lamische Gemeinden die „Hinterhöfe“ verlassen und sich mit ihren Gotteshäusern zeigen dürfen müssten. Das friedliche Miteinander aller Reli-gionen und Völker - das war Jean Claude Diallos Herzensangelegenheit, sein Ziel. Ein Ziel, das seinen eigenen Lebenserfahrungen entsprang und das er auf seinem beruflichen Weg verfolgte. Exil, Emigration, Integra-tion und kulturelle Identität waren seine Themen – und zwar nicht als Modethemen sondern aus eigener, persönlicher und gelebter Erfahrung.

Diallo näherte sich grundlegenden Fragen der Integration mit seiner hohen Bereitschaft und Fähigkeit zum Dialog. Er stellte sich und anderen u.a. die Frage: „Wie gelingt uns eine Integration, an der sich alle beteiligen?“ Der Brückenbauer zwischen den Kulturen und Religionen fasste seine Vorstellungen von einer lebenswerten Gesellschaft für alle Menschen in Frankfurt so zusammen: „Glück ist da, wo man Freunde hat. Das werden nicht nur Migranten brauchen, sondern auch Deutsche.“

Jean Claude Diallo verschied am 21. März, es war Karfreitag und gleichzeitig auch der Tag des Frühlingsanfangs. So nah liegen Anfang und Ende. Vielleicht können wir es ja als ein Zeichen verstehen, dass das Leben zyklisch verläuft und dass jedem Anfang ein Ende inne wohnt, und in jedem Ende auch schon ein neuer Anfang liegt.

Eleonore Wiedenroth-Coulibaly